Eiskunstlauf : Anmut und Missgunst

Das deutsche Eiskunstlaufen zeigte sich bei den Deutschen Meisterschaften in Oberstdorf verbessert – aber es gab auch wieder Ärger.

Frank Bachner[Oberstdorf]
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Verstrickt. Carolina und Daniel Hermann wurden im Eistanz bevorteilt.Foto: dpa

Ingo Steuer tänzelte drei Schritte nach links, dann zwei nach rechts, wieder links, und das alles so hochkonzentriert, dass ihm ab und zu eine schwarze Haarsträhne ins Gesicht fiel. Er sah aus wie ein Schüler, der vor der Tanzstunde noch mal die Bewegungen übt. Aber Steuer imitierte bloß, was Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy gerade auf dem Eis der Oberstdorfer Eislaufhalle boten. Die waren natürlich viel schneller, viel eleganter, viel ausdrucksstärker als ihr Trainer. Sie sind ja schließlich auch Paarlauf-Weltmeister.

Aber irgendwann klatschte Steuer sogar zufrieden in die Hände. Steuer, der Perfektionist, applaudiert: Deutlicher kann die Leistungsstärke von Sawtschenko und Szolkowy kaum werden. Natürlich gewannen sie bei der deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft überlegen den Titel. „Aber schon im Kurzprogramm“, sagt Reinhard Ketterer, der Leitende Landestrainer von Berlin, „haben die ja Holiday on Ice geboten.“

In vier Wochen dürften die Chemnitzer schon wieder auf dem Podium stehen, wenn Sawtschenko/Szolkowy bei der EM in Helsinki ihren Titel verteidigen. Aber seit Oberstdorf stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass auch andere Deutsche in Finnland ganz gut dastehen. Es geht wieder aufwärts mit dem Eiskunstlauf in Deutschland, bei den Männern zum Beispiel. Peter Liebers, der neue Meister, kam im Kurzprogramm erstmals über 70 Punkte, und in der Kür sprang der Berliner den dreifachen Axel zweimal ausgezeichnet. Auch Liebers’ Trainingskollege Clemens Brummer, der Zweitplatzierte, überzeugte. „Die beiden können es in Helsinki unter die Top Ten schaffen“, sagt Udo Dönsdorf, der Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU). Hinter den beiden drängen Martin Liebers und Philipp Tischendorf nach vorne. Tischendorf ist einer der weltweit wenigen Läufer, der perfekt zur Musik läuft. Das nützt ihm aber nur bedingt, solange seine Sprünge verbesserungswürdig sind.

Bei den Frauen steigerte Annette Dytrt ihre persönliche Bestleistung um 20 Punkte. Ihr neuer Trainer Michael Huth traut ihr in Helsinki sogar einen Rang zwischen fünf und zehn zu. Hinter Dytrt haben sich die Berlinerinnen Constanze Paulinus und Caroline Gülke platziert. Gülke ist 26, hatte vier Jahre keinen Wettkampf absolviert und wurde jetzt Dritte. Paulinus ist 23, hat sich eine größere Wettkampfhärte zugelegt und landete auf Rang zwei. Die interne Konkurrenz ist größer geworden bei den Frauen, das steigert das Gesamtniveau.

Aber weil es hier um Eiskunstlauf geht, die Branche der Eitelkeit und Missgunst und der versteckten oder offenen Manipulation, gab es natürlich wieder Ärger. Beim Eistanz wurden die Favoriten Nelli Schiganschina/Alexander Gazsi so grotesk schlecht benotet, dass ein Heer von Fachleuten fassungslos war. Die Titelverteidiger erhielten beim technischen Wert die wenigsten Punkte aller vier Paare. „Ich bin geschockt. Das kann ich meiner Partnerin nicht erklären“, erklärte Gaszi. Der Berliner müsste es auf Russisch erklären, das dürfte der Kern des ganze Problems darstellen. Schiganschina hat nur einen russischen Pass, sie darf deshalb bei den Olympischen Spielen 2010 nicht für Deutschland starten. Offenbar gibt es verbandsintern den Konsens, dass man ein Paar nach vorne schiebt, das die Chance besitzt, in Vancouver zu laufen. Offiziell gibt das natürlich keiner zu. Den Titel holten sich Carolina und Daniel Hermann aus Dortmund, die in zwei internationalen Wettkämpfen meilenweit hinter Schiganschina/Gaszi gelegen hatten. Die können sich nun bei der EM den Kampfrichtern präsentieren und sich damit in deren Köpfen etablieren.

Aber wenigstens besitzt das düpierte Paar noch eine kleine Chance: Sollten Hermann/Hermann bei der EM nicht unter die ersten 15 kommen und damit die WM-Qualifikation verpassen, kann die DEU für die Titelkämpfe in Los Angeles Gaszi/Schiganschina nominieren.

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