Eiskunstlauf : Der Traum bleibt ein Traum

Das Eiskunstlaufpaar Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy holt nach Patzern in der Kür nur Bronze. Trainer Ingo Steuer kritisiert beide in hässlichen Worten. Trennen sie sich nun oder machen sie weiter?

von
Vancouver 2010 - Eiskunstlauf
Am Boden. Robin Szolkowy rappelt sich nach seinem Sturz beim Doppelaxel wieder auf. -Foto: dpa

Es gibt Bilder, die vergisst man nicht mehr, weil sie so schön sind. Ein Bild wie dieses: Die anmutige Eiskunstläuferin Xue Shen, 31 Jahre alt, aus China strahlt ihren Partner und Ehemann Hongbo Zhao, 37, nach gelungener Kür im olympischen Paarlauf an, der braucht einen Moment, um zu realisieren, was geschehen ist, dann umarmt er seine Frau. Denn er weiß: Es ist geschafft. Wir sind Olympiasieger. Unsere Geschichte hat ein Happy End genommen. Und es gibt andere Bilder, die durch ihre Traurigkeit unvergesslich werden, wie dieses: Aljona Sawtschenko, 26, bekommt das im Eiskunstlauf obligatorische Lächeln einfach nicht hin, als sie mit ihrem Chemnitzer Partner Robin Szolkowy, 30, nach der Kür vom Eis des „Pacific Coliseum“ gleitet. Denn sie weiß: Das waren zu viele Fehler. Alles ist verloren.

Ganz stimmt das natürlich nicht, denn immerhin reichte es für die Deutschen zur Bronzemedaille hinter dem zweiten chinesischen Paar Pang Qing und Tong Jian. Aber das war kein Trost für die ehrgeizige Sawtschenko. Sie hatte vor dem Wettkampf die Botschaft ihres Trainers verinnerlicht: In Vancouver zähle nur Gold, das hatte Ingo Steuer noch kurz vor dem Start der Winterspiele erklärt, alles andere sei eine Enttäuschung. Der 43-Jährige, der sich seine Olympiaakkreditierung vor vier Jahren in Turin noch auf dem juristischen Weg erstritten hatte, wünschte sich unbedingt ein Happy End, auch für seine Geschichte. Ingo Steuer wollte der Welt beweisen, dass er, der wegen seiner Stasivergangenheit geschmähte Trainer, ein Olympiasieger- Paar formen kann, das erste deutsche seit 1952.

Und dann laufen seine Schützlinge, die zweimaligen Weltmeister, zur Filmmusik „Jenseits von Afrika“ eine ausdrucksstarke Kür – doch Szolkowy stürzt beim Doppelaxel. Ausgerechnet bei jenem Sprung, den Steuer anstelle des dreifachen Salchows ins Programm genommen hatte, da er ihn für sicherer hielt. Zu 99 Prozent soll der Doppelaxel im Training geklappt haben, in der Kür aber landet Szolkowy auf dem Gesäß. Und obendrein springt Sawtschenko einen Toeloop nur doppelt, eine Umdrehung fehlte – das sind zu viele der Fehler in der sehr starken olympischen Konkurrenz. Die 210,60 Punkte von Szolkowy/Sawtschenko konnten sogar noch von den Chinesen Pang Qing/Tong Jian (213,31) übertroffen werden, die niemand auf der Rechnung hatte.

Der Druck sei groß gewesen, „vielleicht ein bisschen zu groß für mich“ sagte Szolkowy später. Er ist ein Mensch von gelassenem Gemüt und war sofort gewillt, die Bronzemedaille als Gewinn und nicht als Verlust des Goldes anzusehen. Steuer jedoch kennt keine Gnade und unterstrich, warum ihn viele Menschen für – freundlich ausgedrückt – schwierig halten. „Mir fehlen die Worte. Vielleicht fange ich ja selbst wieder an, die Kür hätte ich noch laufen können“, schimpfte der Sachse, der gemeinsam mit Mandy Wötzel 1998 in Nagano Bronze gewonnen hatte, bis Dienstag die letzte deutsche Medaille im olympischen Paarlauf. „Es wäre so leicht gewesen, heute Gold zu holen, aber die leichten Sachen sind ja oft die schwersten.“

Es war hässlich, dass er so sprach, denn seine Athleten hatten es in Wahrheit sehr schwer gehabt. Einerseits aufgrund des holprigen Saisonverlaufs: Erst musste das Paar im November kurzfristig eine neue Kür einstudieren, da sich das ursprünglich von Steuer kreierte Programm zum Fußball-Song „You’ll never walk alone“, umgewandelt von Stargeiger André Rieu, als unpassend und zu schwierig erwies. Steuer hatte etwas Besonderes schaffen wollen und sich damit übernommen. Anstatt dann zur Vorjahreskür „Schindlers Liste“ zurückzukehren, mussten Szolkowy/Sawtschenko auf die Schnelle umlernen. Zusätzlich schlug sich Sawtschenko lange mit einem grippalen Infekt herum – so verloren die Chemnitzer im Dezember erst das Grand-Prix-Finale und im Januar ihren EM-Titel.

Andererseits waren die chinesischen Paare in Vancouver unwiderstehlich stark. Die Silbergewinner Pang Qing und Tong Jian, Vierte nach dem Kurzprogramm, liefen die Kür ihres Lebens, waren technisch wie künstlerisch brillant und wurden mit Standing Ovations gefeiert. Xue Shen und Hongbo Zhao, die als Führende vor Sawtschenko und Szolkowy in die Kür gegangen waren, gelang ebenfalls sehr viel. Nur einen kleinen Fehler bei einer Hebefigur erlaubten sich die ersten chinesischen Eiskunstlauf-Olympiasieger, welche die 46 Jahre währende Dominanz der russischen Paare beendeten. Ihre Geschichte mündete in ein Happy End: Shen und Zhao waren 2007 schon zurückgetreten und wagten das Comeback nur für diesen einen Moment. Dreimal Weltmeister und zweimal Olympiadritte waren sie gewesen, nicht aber olympische Champions. Nun haben sie auch das erreicht. Shen und Zhao, die seit 2007 verheiratet sind, wollen nun endgültig zurücktreten. „Es wäre schwer weiterzulaufen. Vielleicht ist es Zeit für ein Baby“, sagte Zhao. Die Chinesen sprachen von einem Traum, der für sie in Erfüllung ging – Worte, die auch die Deutschen so gern gesprochen hätten. Erst nach der WM in Turin im März wollen Sawtschenko und Szolkowy entscheiden, ob sie sich trennen oder weitermachen.

Um vielleicht doch noch ein Happy End zu erreichen. „Es war ein olympischer Traum, aber der Traum bleibt“, sagte Sawtschenko mit einem traurigen Blick auf die Bronzemedaille.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben