Eiskunstlauf : Ein Thema für "Brisant“

Sawtschenko/Szolkowy könnten das deutsche Eiskunstlaufen zu neuem Glanz führen, doch es wird selbst bei WM-Gold in der Diaspora bleiben.

Frank Bachner[Göteborg]
sawtschenko
Clinch on Ice. Der Streit um Aljona Sawtschenko, Robin Szolkowy und Trainer Ingo Steuer überlagert die herausragenden Leistungen...Foto: ddp

Dieser Kontrast, einfach wunderbar. Dieser große, muskulöse, attraktive, dunkelhäutige Mann und daneben diese kleine, elegante Frau mit den langen blonden Haaren. „Fürs Fernsehen“, sagt Franca Bianconi, „sind das herrliche Bilder.“ Für sie also, sie berichtet für die RAI, das italienische Fernsehen, über die Eiskunstlauf-WM in Göteborg. Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko, sagt Franca Bianconi an ihrem Reporterplatz im Scandinavium, der Sport-Arena im Herzen Göteborgs, „haben Ausstrahlung und Charisma. Die italienischen Fans sehen sie sehr gerne.“ Sie macht eine kurze Pause, es wirkt als lauschte sie verzückt ihren eigenen Worten. Gestern Abend liefen Szolkowy/Sawtschenko im Kurzprogramm (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet), die RAI übertrug den Kurzauftritt der WM-Favoriten live.

Ausstrahlung, Charisma, was für Stichwörter für Uwe Harnos. Hat er es denn nicht immer gesagt? „Diese Beiden, die wären doch auch ein Thema für ,Brisant‘.“ Gut, „Brisant“, das Boulevardmagazin in der ARD, ist eigentlich eine Plattform für Crime und Klatsch, aber Harnos, der Vizepräsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), meint natürlich: Die Paarläufer aus Chemnitz, die ließen sich doch optisch gut vermarkten. Vor allem, wenn sie am Mittwochabend Weltmeister werden.

Die Chance, dass sie den Titel holen, ist realistisch. Aber dann, seufzt Harnos, „befürchte ich, dass sich die Situation eher noch verschärft“. Die ziemlich trostlose Situation. Die DEU liegt seit zwei Jahren im Streit mit Steuer und seinen Athleten, weil sie den früheren Stasi-Spitzel Steuer alias „IM Torsten“ auf Druck des Bundesinnenministeriums (BMI) nicht als Trainer beschäftigen darf. Der Streit wird letztlich in einer Hauptverhandlung entschieden. Die Athleten geben nicht nach, die DEU darf nicht nachgeben, weil das BMI sonst Fördergelder streicht. Einen Fernsehvertrag hat der Verband nicht mehr, einen Hauptsponsor auch nicht. ARD und ZDF bringen von der WM ein paar Bilder in den Morgenmagazinen. „Wir sind in der Diaspora“, sagt Harnos.

Und da wird das deutsche Eiskunstlaufen auch nach einem WM-Sieg bleiben. Außer, „alle Beteiligten können öffentlich harmonisch auftreten“, sagt Harnos. Dann, nur dann, habe die DEU eine Chance, sich und das Paar gemeinsam gut zu vermarkten. Ein WM-Titel, das wäre der größte Triumph des deutschen Eiskunstlaufs seit elf Jahren, der wäre das stärkste Argument, das die DEU haben könnte. Jetzt, sagt Harnos, „ist es doch so, dass die Sponsoren die Tür schon wieder zumachen, bevor ich richtig drin bin“. Steuer, der Streit, das ewige Theater, das blockiere alles.

Aber das Theater wird weitergehen, weil Steuer und sein Paar nicht nachgeben werden. Als Weltmeister hätten ihre Aussagen eine noch größere Bedeutung. Das weiß natürlich auch Harnos, deshalb sagt er ja auch, „dass die Sportler von den Einnahmen aus einer Vermarktung das größte Stück des Kuchens haben könnten“. Hauptsache, es gebe überhaupt einen Kuchen.

Den gibt es in größerer Form nur mit Hilfe des Fernsehens. „Sponsoren gewinnen sie, wenn sie im frei empfangbaren Fernsehen sind“, sagt Harnos. Die DEU musste schon sechs Monate mit der ARD verhandeln, damit die im Winter noch einmal die traditionelle Eis-Gala überträgt. Und die ARD bestand auf der Teilnahme von Sawtschenko und Szolkowy. Die Quoten waren trotzdem mäßig. „Die Lindenstraße hatte eine fast doppelt so hohe Quote“, sagt DEU-Präsident Dieter Hillebrand, „da fragt man sich schon, woran das liegt.“

Zum Beispiel daran, dass im Eiskunstlauf die positiv besetzten Idole fehlen. Wenigstens steht die DEU jetzt nicht mehr, wie noch vor zwei Jahren, vor der Pleite. Schatzmeister Johannes Wehr hatte rigoros gespart, erstmals seit vielen Jahren schreiben DEU-Veranstaltungen wieder schwarze Zahlen. Die Nebelhorn-Trophy etwa, bei der 2006 noch 29 000 Euro Verlust aufliefen, hatte 2007 ein Plus. Das sichert das Überleben, mehr aber nicht. „Es dauert, bis wir wieder mit den notwendigen Umdrehungen fahren können“, sagt Harnos.

In Italien hätte er es leichter. Franca Bianconi überträgt auch das Paarlauf-Finale am Mittwochabend live. Die ARD zeigt Fußball, DFB-Pokal.

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