Eiskunstlauf : Kati Witts letzte Rolle

Sie stieg vom DDR-Star zum Mythos auf. Jetzt zelebrierte Eisläuferin Katarina Witt ihren Abschied mit einer Eis-Gala der Extra-Klasse.

Frank Bachner
Witt Foto: dpa
Katarina Witt. Symbol für Kunst und Ästhetik -Foto: dpa

HannoverBei der höchsten Geschwindigkeit, als sie wild um die eigene Achse rotierte, so wild, dass das paillettenbesetzte Kleid flatterte, da tauchte hinter den flackernden Funken, die in Form eines Wasserfalls aufs Eis prasselten, auf der meterhohen Videoleinwand die Botschaft auf. Als sie dann, zur Ruhe gekommen, langsam in die Knie sank und nur noch ein paar letzte, kreiselnde Funken an den Wasserfall erinnerten, da konnten es alle problemlos lesen: GOOD BYE KATARINA WITT. Eine letzte Pirouette, ein letztes Kunstwerk zum Abschied, ein letzter Gruß an die 10 000 Zuschauer in der Arena in Hannover. Die Fans hatten sich klatschend erhoben, es war ihre letzte Geste an die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten. An Katarina Witt, die an diesem Dienstagabend endgültig zum Mythos aufstieg. An diesem Abend zelebrierte sie ihren letzten Auftritt auf Eis. Im Dezember ist sie 42 geworden.

Natürlich hatte sie die passende Fassade für diesen Abschied aufgebaut. Eine Gala mit 16 Eiskunstläufern, Ex-Stars oder nationalen Größen, eine Lightshow, die blaue und rote Muster aufs Eis zeichnete, aus den Boxen harte Gitarrenriffs und einfühlsame Streicher, dazu Feuersäulen, die aufstiegen, und Jazzsänger Roger Cicero, der live auftrat. Es war alles da für eine Show. Nur eines fehlte: die Seele einer Abschiedsgala. Das Finale, dieser Moment, der sich für einen emotionsgeladenen Schluss förmlich aufdrängte, der geriet etwas untypisch für Katarina Witt, den Showstar von Welt. Die 16 Gäste bildeten auf dem Eis einen Kreis und klatschten, Witt drehte sich langsam mit einer ausladenden Handbewegung in diesem Kreis, das war’s. Die anschließende Pirouette sah fast schon aus wie eine Pflichtübung. Aber wahrscheinlich sind das die falschen Maßstäbe, sie sind zu nüchtern, zu realitätsbezogen. Ein Mythos lebt ja von der Phantasie der Betrachter, von den Bildern, die es erzeugt.

Niemand in der Halle sah Katarina Witt als leicht pummelige 42-jährige Frau, die kaum sprang, weil ihr die Kraft fehlte. Sie sahen die weichen, fließenden Bewegungen ihrer Arme, diese Katarina Witt verschmolz in der Phantasie mit den Bildern der jungen DDR-Läuferin, die sich auf der Videoleinwand in ihren besten Rollen auf dem Eis präsentierte, als „Carmen“ bei den Olympischen Spielen 1988, als Robin Hood, die leichtfüßig in der Luft rotierte. Die Katarina Witt, die in ihrer Parade-Rolle als „Carmen“ über das Eis in Hannover zwischen dem lodernden Feuer in vier riesigen Schalen glitt, war die gleiche, die 19 Jahre zuvor in den Armen von Olympiasieger Brian Boitano im Film „Carmen on ice“ darniedersank. Diese Film-„Carmen“ litt auf der Videowand.

Katarina Witt aus Staaken ist immer in Rollen gesehen worden, und in denen wurde sie je nach Blickwinkel besetzt. Die Fans und DDR-Funktionäre sahen in ihr das „schönste Gesicht des Sozialismus“, eine ästhetische Attraktion, die sie 1988 im Klassenkampf instrumentalisierten. Damals, bei den Olympischen Spielen, als sie das Duell der Systeme gewann, eine Diplomatin im „Carmen“-Kostüm. Dafür erhielt Witt ein Westauto, satte Prämien und die Erlaubnis, als Profi bei „Holiday on Ice“ dem Westen harte Dollar abzuknöpfen. Vielen DDR-Bürgern und überzeugten Westlern war sie die verhätschelte Zicke, die heuchlerisch SED-Parolen nachbetete und gleichzeitig Privilegien genoss. Zerrbilder natürlich, aber sie sind ja nicht völlig falsch. Katarina Witt war eigensinnig und geschäftstüchtig, sie vermarktete ihre Bedeutung mit hoch dotierten Verträgen. Aber das unverfälschteste Bild ist das der Künstlerin, die mit ihrer Ausstrahlung Märchen und Geschichten aufs Eis zaubern konnte.

Und dann gibt es noch das Alltagsbild der Katarina Witt. Diese Frau ist nett und unkompliziert. Sechs Stunden vor ihrem Abschied, sechs Stunden, bevor sie einen historischen Moment zelebrieren sollte, kam sie in ihrem Hotel eher zufällig mit Gästen ins Gespräch. Die zweimalige Olympiasiegerin gab zur Begrüßung die Hand und sagte: „Hallo, ich bin die Katarina.“

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