Eiskunstlauf : Quad erat demonstrandum

Nach Evan Lysaceks braver Goldkür ohne Vierfachsprung befürchten Experten einen Verfall des Eiskunstlaufs. Der geschlagene Jewgeni Pluschenko warnt schon einmal.

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Meine ist schöner. Evan Lysacek (vorne) präsentiert stolz seine Goldmedaille, Jewgeni Pluschenko mag sich nicht so recht über...Foto: Reuters

Vielleicht ist jetzt der richtige Moment gekommen, um sich an Elvis Stojko zu erinnern. Das ist der kräftige, spektakuläre kanadische Eiskunstläufer, der 1991 als Erster eine Kombination von vierfachem und doppeltem Toeloop sprang. Er war dreimal Weltmeister und gewann zwei olympische Silbermedaillen. In Kanada ist Stojko, inzwischen fast 38 Jahre alt, noch sehr bekannt, denn er hat sich als Kolumnist und Sport-Kommentator einen Namen gemacht; und zwar als einer, der gern deutliche Worte wählt. Wie nach der olympischen Herrenkonkurrenz im Eiskunstlauf: Stojko ist entsetzt über das Urteil der Preisrichter, die dem russischen Sprungkünstler Jewgeni Pluschenko nur Silber verpasst und den braven US-Läufer Evan Lysacek zum olympischen Champion gekürt haben – und dass, obwohl letzterer keinen „Quad“ (Vierfachsprung) im Programm hatte.

„Die Wertung der Preisrichter war lächerlich, Pluschenko hat eine großartige Vorstellung gezeigt“, schreibt Stojko in seiner Internet-Kolumne – und: „Sorry, Evan, du bist ein guter Läufer, aber wie kann einer Olympiasieger sein, der noch nicht einmal einen Quad versucht? So hat Brian Boitano vor 20 Jahren gewonnen. Es gibt Junioren, die so ein Programm laufen können.“ Einmal in Fahrt, setzt Stojko noch einen drauf: „In dieser Nacht haben die Preisrichter den Eiskunstlauf wahrscheinlich gekillt.“ Denn der Nachwuchs wisse nun, dass man im neuen Wertungssystem keine vierfachen Sprünge riskieren müsse und es mit guten Schrittkombinationen und ausgefeilter Choreographie auch getan sei.

Pluschenko wird sich über diese Worte freuen, denn er sieht es genauso: Damit Eiskunstlauf Männersport bleibe, müssten die Sportler Vierfache springen, sagte er in diesen olympischen Tagen immer wieder. Sein erzürnter Trainer Alexej Mischin schlug nach der Kür-Niederlage vor, man solle künftig Frauen und Männer gemeinsam antreten lassen. Das sei die logische Konsequenz des Richterspruchs von Vancouver. Da Eiskunstlauf in Kanada ungemein populär ist, begleiten die Medien die Debatte mit großer Aufmerksamkeit. Es geht um Grundsätzliches: Müssen Eiskunstläufer mutige Männer sein – wie Pluschenko oder früher Stojko, deren Kunst auf dem Eis von der Athletik lebt? Oder sollen sich Jungs wie Lysacek durchsetzen, die mehr auf Schau setzen und lieber technisch leichtere Elemente perfekt ausführen, als das Risiko eines Vierfachsprungs einzugehen?

Wenn auch künftig so entschieden werde wie bei den Spielen Vancouver, dann werde sich der Sport zurückentwickeln, meint Stojko: „Und das macht mich krank. Ich schaue lieber Eishockey, wo die Athleten an ihre Grenzen gehen dürfen. Echten Sport.“ Ein Vertreter der Showboy-Fraktion, der in Vancouver fünftplatzierte Patrick Chan aus Kanada, war „schockiert“ über Stojkos Attacken – und mutmaßte: „Wahrscheinlich ist Elvis Stojko frustriert, weil er in seiner Generation alles auf die Sprünge setzen musste und wir das heute mit dem neuen Wertungssystem nicht mehr müssen.“ Das letzte Wort in der Sache ist sicher nicht gesprochen.

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