Eiskunstlauf : "Trainer haben in Umkleidekabinen nichts zu suchen"

Der Eislauf-Preisrichter Jörn Lucas befasst sich intensiv mit sexuellem Missbrauch von Sportlern. Der Ex-Rollkunstläufer, der sich selbst als Opfer sexueller Belästigung fühlt, über fehlende Anlaufstellen, Tabuzonen und notwendigen Körperkontakt.

Schatten auf dem Eis. Sexueller Missbrauch oder sexuelle Belästigung ist auch im Sport ein großes Thema, beim Eiskunstlauf genauso wie bei anderen Verbänden.
Schatten auf dem Eis. Sexueller Missbrauch oder sexuelle Belästigung ist auch im Sport ein großes Thema, beim Eiskunstlauf genauso...Foto: dpa

Herr Lucas, Sie haben Udo Dönsdorf, den Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), bei der Güteverhandlung gegen Ex-Eistänzer Sascha Rabe gesehen. Was fühlten Sie dabei?

Wir haben uns höflich gegrüßt. Ich sehe ihn ja immer wieder, deshalb hat es mich nicht besonders mitgenommen.

Sie werfen ihm vor, er habe Sie vor 27 Jahren sexuell belästigt. Den gleichen Vorwurf erhebt Rabe. Er will Schadensersatz und Schmerzensgeld für einen Vorfall, der drei Jahre zurückliegt. Dönsdorf bestreitet die Vorwürfe in beiden Fällen. Wie hat er reagiert, als er Sie gesehen hat?

Er war schockiert. Aber ich wollte, dass er an mir vorbeigehen muss.

Sollte Dönsdorf verurteilt werden: Welches Signal wäre das für andere Läufer, die sich auch sexuell belästigt fühlen? Laut Rabe soll es noch zwei Opfer von Dönsdorf geben, die aber nicht trauten, sich zu outen.

Damit wäre klar: Das sind nicht bloß Kontakte zwischen Privatpersonen außerhalb der Dienstzeit. Es wäre auch ein Signal an alle Verbände. Da müssen einige genauer darauf achten, was ihr Personal macht.

Die DEU fühlt sich nicht zuständig, weil der Vorfall in Dönsdorfs Freizeit stattgefunden habe.

Genau. Und diese Argumentation kann man so nicht akzeptieren.

Denken Sie, dass sich nach einem Schuldspruch mutmaßliche Opfer outen?

Keine Ahnung. Es kann befreiend sein, offen damit umzugehen. Aber generell kann ich ein Outing nicht empfehlen.

Weshalb nicht?

Weil so ein Outing der Karriere schaden kann. Das gilt vor allem für Sportler, die noch aktiv sind. Aber es gilt auch für jemanden wie mich, der als Preisrichter amtiert. Ich habe 2009 keine Wettbewerbe bekommen, ich bin als Preisrichter nicht hochgestuft worden, obwohl ich hochgestuft hätte werden können. Das alles ist ja offensichtlich. Ich würde jedem empfehlen, nachzudenken, wann er sich öffnet. Man kann das ja auch nach Ende seiner Karriere machen.

Sie haben sich geoutet, bevor die Flut von teilweise jahrzehntealten Missbrauchsfällen bekannt wurde. Sind diese Fälle im Nachhinein ein Glück für Sie? Ihre Glaubwürdigkeit wurde ja noch massiv bezweifelt, weil Sie 26 Jahre lang geschwiegen haben. Jetzt weiß jeder, dass man Jahrzehnte braucht, um sich zu öffnen.

Ich habe Verständnis für jeden, der bezweifelt, dass man so viele Jahre benötigt. Aber nun müssen sich die Menschen mehr mit der Thematik beschäftigen.

Ist die gesellschaftliche Sensibilisierung für das Thema größer geworden?

Ja. Das Problem ist nur, dass diese Diskussion sich dann schnell auf den Missbrauch von Frauen und jungen Mädchen konzentriert. Das ist für die Betroffenen mit Sicherheit ein Trauma, keine Frage. Aber es gibt auch junge Männer als Opfer. Und das wird noch nicht genug gewürdigt in der Öffentlichkeit.

Woran mangelt es noch?

Bis jetzt sagt die Öffentlichkeit: Aha, Missbrauch von jungen Männern gibt's auch. Aber weiter sind wir noch nicht. Die Opferrolle von Männern und Jungen wird oft nicht richtig erkannt. Junge Männer befinden sich oft in traumatischen Situationen, die sie nicht auflösen können. Und dann wundern wir uns, wenn sie plötzlich seltsam reagieren.

Sehen Sie den Deutschen Olympischen Sportbund in der Pflicht?

Ja, klar. Wenn man sich als Mann als Opfer empfindet, wird man beim DOSB ans Frauenressort verwiesen. Da interessiert man sich nur für Frauen als Opfer.

An wen haben Sie sich gewandt?

An die Opferhilfe Hamburg, da habe ich sofort und hervorragend Hilfe bekommen. Aber speziell im Sport gibt es so eine Anlaufstelle nicht. In Österreich und in der Schweiz gibt es dagegen Ombudsmänner für solche Fälle.

Es gibt ja auch eine Grauzone im Sport. Trainer müssen teilweise Körperkontakt zum Sportler haben. Welche Regeln muss man in dieser Grauzone einhalten, damit es erst gar nicht zu Vorwürfen oder falschen Interpretationen kommen kann?

Erstmal müssen diese Menschen integer sein. Und sie müssen erklären, dass bestimmte Handlungen einfach nötig sind. Wenn ein Eiskunstläufer eine falsche Armhaltung hat, muss es möglich sein, dass ein Trainer die Arme anfasst und sie richtig platziert. Aber die Situation muss so sein, dass man sie nie falsch interpretieren kann. Als Udo Dönsdorf mein Trainer war, hat er mich ja auch an den Armen korrigiert. Aber genau so klar müssen die Tabuzonen sein.

Sie sind Geschäftsführer des größten Vereins in Lüneburg. Welche Regeln gelten in Ihrem Verein?

Ein Trainer hat grundsätzlich nichts auf dem Zimmer eines Sportlers verloren. Kann ja sein, dass ein Sportler mal verschläft. Da wird jeder Trainer der Welt klopfen, reingehen und sagen: Hey, aufwachen. Aber für so einen Fall würde ich immer eine zweite Person mitnehmen. Auch eine Trainerin hat nichts in der Umkleidekabine von Jungen und Herren verloren. Frauen sind da manchmal etwas lax. Im Eiskunstlauf laufen viele Trainerinnen herum, und die turnen alle in der Jungs-Umkleidekabine herum. Ich weiß nicht, was die da verloren haben. Männer trauen sich das inzwischen nicht mehr.

Nun gibt’s nicht überall separate Zimmer, in denen sich Trainer umziehen können.

Gut, wenn das so ist, dann muss sich halt der Trainer in der Sportlerkabine umziehen. Aber bitte: umziehen. Nicht irgendwelche größeren Gespräche führen.

Hatten Sie schon hysterische Eltern im Büro, die einen vermeintlichen Missbrauch anzeigten?

Hysterische Eltern gibt's immer, aber ich hatte bisher noch keine, die sexuellen Missbrauch anzeigten. Aber ich hatte mal einen Vater, der glaubte, sein Sohn sei von einem anderen Sportler geschlagen worden. Das konnte in einem Gespräch geklärt werden. Es stellt sich heraus, dass eine Situation falsch eingeschätzt wurde.

Erleben Sie Eltern, die verstärkt nach der Gefahr von sexuellem Missbrauch nachfragen oder sogar Ihre Kinder aus lauter Angst abmelden?

Abmeldungen habe ich nicht erlebt. Aber es gab ein anderes Problem, die Aufsichtspflicht. Es gab ja diesen Vorfall auf einer Nordseeinsel, als Jugendliche sexuell missbraucht wurden. Da hatte offenbar die Aufsicht nicht funktioniert. Zur gleichen Zeit hatten wir auch eine Jugendfreizeit. Das ist natürlich schon schlimm für deren Betreuer. Die hatten ja das Gefühl, dass sie möglicherweise in Mithaftung genommen werden. Aber zum Glück hatten wir keine Anfragen von besorgten Eltern.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

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