Sport : Eiskunstlauf: Verkrampft aufs Podium

Susanne Schubert

Caroline Gülke kann wieder lächeln. Zwar schaute sie auf der Eisfläche des Oberstdorfer Bundesleistungszentrums zunächst sehr angespannt drein. Die Leichtigkeit auf dem Eis fehlte ihr schon immer - "ich muss mich doch konzentrieren", sagt sie denen, die sie darauf ansprechen. Auch ohne Leichtigkeit reichte es für 18-Jährige bei den Deutschen Eiskunstlaufmeisterschaften zu Platz zwei.

Beim gleichen Anlass im vergangenen Januar in Berlin hatte sie ihren Start nach dem verpatzten Kurzprogramm zurückgezogen. "Ich war zwei Monate vorher bei der Berliner Meisterschaft fünfmal aufs Eis geknallt. Und nun, in derselben Halle, wieder antreten? "Ich habe mich nur fallen sehen", erzählt Caroline Gülke. Natürlich hat sie damals ans Aufhören gedacht. "Aber nach zwei Wochen ohne Eis, da wird man ganz zappelig. Es ist wie eine Sucht." Deswegen fing sie nach dem Debakel neu an, wechselte im Februar zu Viola Striegler, nachdem sie kurzzeitig vom Berliner Stützpunktleiter Reinhard Ketterer betreut worden war. Mit ihrer früheren Trainerin Silke Heritz ging es einfach nicht mehr. "Es gab da ein paar hässliche private Auseinandersetzungen. Es hat einfach nicht mehr gepasst", sagt Caroline Gülke. Jetzt sei das ganze Umfeld wieder so, dass es sich lohne, täglich viele Stunden auf dem Eis und an der Ballettstange zu stehen.

Vier Kilo abgenommen hat sie außerdem, bei den zarten Figuren der Eiskunstläuferinnen scheint es kaum möglich, dass die eine oder andere zu viel an Gewicht auf den Rippen haben könne. "Doch, doch", sagt Caroline Gülke, "man wird fraulicher, bekommt einen anderen Schwerpunkt, und schon kann man von vorne mit dem Trainieren der Sprünge beginnen." Da machten drei, vier Kilo eine Menge aus. "Den Lutz zum Beispiel, den konnte ich schon. Plötzlich war er weg." Zum Glück habe sie von der Familie keine Tendenz zum Dickwerden mitbekommen und locker ihr Wettkampfgewicht von 51, 52 Kilo - bei einer Größe von 1,68 Metern - wieder erreicht. Magersucht oder gar Bulimie - für sie sei das kein Thema. Anders als bei der Münchnerin Eva-Maria Fitze, die 16 Monate wegen ihrer Ess-Brech-Sucht pausieren musste, in einer therapeutischen Wohngemeinschaft lebte. "Eislaufen muss Spaß machen", findet Caroline Gülke, "zu solchen Auswüchsen darf der Sport nicht führen."

Dass es ihr wieder Spaß machte, merkte sie im März beim Deutschland-Pokal, da wurde sie Dritte. Von da an ging es wieder aufwärts. Die Grand-Prix-Wettbewerbe in Colorado Springs (USA) und Gelsenkirchen, wo sie jeweils unter die ersten zehn kam, bestätigten sie auf ihrem Weg. Trotz eines 14-Stunden Tages mit Schule, Eislaufen und Ballett kann sie sich ein Leben ohne Eiskunstlauf einfach nicht vorstellen.

In Oberstdorf hätte Caroline Gülke sogar ganz nach vorne kommen können, nach dem Kurzprogramm lag sie an erster Stelle, hatte als Einzige eine Dreifach-Dreifach-Kombination gestanden. Doch ohne Lutz und mit einem wackligen Flip wäre sie international nicht konkurrenzfähig. So ist sie gar nicht unglücklich, dass die Oberstdorferin Susanne Stadlmüller Deutsche Meisterin wurde und somit den einzigen deutschen Fahrschein für Europa- und Weltmeisterschaften in diesem Jahr gewonnen hat. "Die Susi hat alle fünf Dreifachsprünge drauf, ich traue ihr bei der EM einen Platz unter den ersten zehn zu", sagt Gülke. Das würde bedeuten, dass Deutschland 2002 wieder zwei Startplätze bekäme. Und wer weiß - vielleicht ist einer für Caroline Gülke dabei.

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