Eiskunstlauf : Wackeln verboten

Er gilt als das größte Talent im deutschen Eiskunstlauf und ist „der Top-Favorit“ in Oberstdorf. Eiskunstläufer Peter Liebers will seiner Favoritenrolle endlich gerecht werden.

Frank Bachner[Oberstdorf]
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Verflixter Axel. Peter Liebers patzte beim Kurzprogramm. Foto: dpa

Er wollte alles in diesen Sprung legen. Peter Liebers hämmerte sich diesen Satz ein: „Jetzt machst du eine richtige Granate, ein richtig tolles Ding.“ Einen Dreifach-Axel, der die Kampfrichter einfach umhauen würde. Es sollte gestern der große Moment des Peter Liebers im Kurzprogramm bei der deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaft in Oberstdorf werden. Liebers glitt an, bereitete den Absprung vor – und sprang den Axel zweifach. „Ich weiß nicht, was los war, ich konnte nicht“, sagte der 22-Jährige nach seinem Kurzprogramm. Er liegt vor der Kür zwar auf Platz eins und kam trotz des Axels erstmals über 70 Punkte (70,35), aber er führt nur knapp vor Titelverteidiger Clemens Brummer, seinem Teamkollegen vom SC Berlin.

Der Patzer passt ins Bild: Peter Liebers, der Unvollkommene. Er gilt als das größte Talent im deutschen Eiskunstlauf und ist „der Top-Favorit“ in Oberstdorf. Jedenfalls sagt das seine Trainerin Viola Striegler. Liebers selbst sagt lieber: „Ich sehe mich nicht als Top-Favorit, ich bin einer von mehreren Titelanwärtern.“ Vor der vergangenen deutschen Meisterschaft war er selbstbewusst, angriffslustig. Doch Liebers wurde hinter Brummer nur Zweiter. Er war zu nervös. Liebers weiß, dass er diesmal den Titel gewinnen muss, sonst bleibt er wieder etwas schuldig.

„Er hat eine bessere Haltung, er trainiert professioneller, seine Pirouetten sind besser“, sagt seine Trainerin. Deshalb durfte er als einziger Deutscher in dieser Saison zum ersten Mal auch in Paris und Tokio im Grand Prix laufen. Nach Paris wurde er eingeladen, weil er bei der EM 2008 auf Platz 13 gelandet war, in der Weltrangliste genügend Punkte hatte und „weil da immer auch ein bisschen die Politik mitspielt“ (Liebers). Irgendjemand im Weltverband hatte entschieden, dass Liebers sich in Paris gut machen würde, er wurde Sechster. In Tokio durfte er starten, weil ein russischer Läufer ausgefallen war. Dort landete er auf Rang zehn.

Paris und Tokio, das waren enorme Erfahrungen für den 22-Jährigen. In Paris sah er, wie professionell und trotzdem locker Brian Joubert arbeitet, der Welt- und Europameister von 2007 aus Frankreich. Joubert reizte die 60 Sekunden Vorbereitungszeit für die Kür optimal aus. Er stand auf dem Eis, fuhr nochmal zu seinem Trainer und blickte immer wieder auf die Uhr. Denn die Musik setzt inzwischen abrupt nach genau 60 Sekunden ein – egal, ob ein Läufer bereit steht oder nicht. „Joubert ist auf die Sekunde genau gestartet “, sagt Liebers. Er selber wartete 30 Sekunden lang regungslos auf seine Musik.

Aber Paris war nichts im Vergleich zu Tokio. Dort hatte er das Gefühl, man habe ihn in eine Glitzer-Welt gebeamt. Vor dem Hotel lauerten von morgens bis abends Fans, einige kamen auf ihn zu und lasen strahlend und mühsam vom Zettel, was sie auf Deutsch notiert hatten: „Alles Gute und viel Erfolg. Wir hoffen, dass Du zur WM und zur EM darfst.“ Da wusste Liebers, dass er persönlich gemeint war, dass die Fans nicht bloß wahllos jeden Läufer feierten.

Die Niederlage gegen Brummer, die Reaktionen der Fans, das alles formt den Menschen und den Eiskunstläufer Liebers. „Ich kann mich jetzt mehr quälen. Wenn jetzt nach einem Programm noch Konditionstraining gemacht wird, dann ziehe ich das durch.“ Aber der Druck, die Erwartungshaltung steigt. „Heute in der Kür“, sagt er, „muss der dreifache Axel sicher kommen.“

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