Eislauf-Union : Ein privater Kuss?

Ein Eistänzer aus Berlin fühlte sich von DEU-Sportdirektor Dönsdorf sexuell belästigt. Der Verband betrachtet den Fall als erledigt.

Frank Bachner

Berlin - In der Post, die Karla Vogt-Röller am Dienstag in ihrer Kanzlei erhielt, war ein interessanter Brief. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) bat die Rechtsanwältin um eine Fristverlängerung. Vogt-Röller hatte Druck gemacht, bis 10. Mai wollte sie mit der DEU über das Thema Schadensersatz reden. Die Anwältin vertritt einen Eistänzer aus Berlin, der sich von DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf sexuell belästigt fühlte. Vogt-Röller will von Dönsdorf Geld, sie überlegt aber auch, ob sie die DEU in Mithaftung nehmen soll.

Dass DEU-Vizepräsident Uwe Harnnos überhaupt um eine Fristverlängerung bittet, überrascht. Denn eigentlich gibt es nichts mehr zu klären, jedenfalls aus seiner Sicht. Dem Tagesspiegel erklärte er: „Für uns ist der Fall abgeschlossen.“ Dönsdorf bleibt in Amt und Würden, arbeitsrechtliche Konsequenzen: keine.

Dass Dönsdorf dienstlich in Berlin war und nachts in seinem Hotelzimmer den volljährigen Eistänzer küsste, sei unstrittig, sagt Harnos. Aber geküsst habe der Privatmann Dönsdorf. „Irgendwann ist der Dienst zu Ende“, sagt Harnos. Deshalb müsse der Verband nicht eingreifen. Außerdem habe der Athlet nach dem Vorfall keine Nachteile erlitten. Der Gedanke liegt nahe, dass die klamme DEU Angst vor einer Abfindung hat, doch das bestreitet Harnos. „Unsere Entscheidung hat nichts mit dem schnöden Mammon zu tun.“

Allerdings gibt es den ethischen Aspekt. Immerhin hatte ein Sportdirektor mit einem Kaderathleten nachts Alkohol getrunken. Ein Sportdirektor, dessen Athleten unterschreiben müssen, dass sie sich leistungsgerecht ernähren müssen. Zudem, sagte der Eistänzer, habe das Ganze wenige Stunden vor einer Leistungsüberprüfung stattgefunden. Da ist er sich ganz sicher. Er kann sich, seiner Erklärung nach, deshalb so gut an die Umstände erinnern, weil die Auswertung mit Dönsdorf in jenem Hotel stattgefunden habe, in dem ihn Dönsdorf Stunden zuvor angeblich belästigt hatte. Zudem sei es das erste Mal gewesen, dass in diesem Hotel Auswertungen vorgenommen worden seien.

„Natürlich kann man diskutieren, ob es gut ist, dass Sportler, Trainer oder Sportdirektoren untereinander eine irgendwie geartete Beziehung haben. Aber das ist ja nicht so absonderlich“, sagt Harnos. Sicher, „irgendwas Dienstliches war in Berlin. Aber Herr Dönsdorf war nicht dort, um diesen Athleten zu beurteilen.“

Allerdings sagen mehrere Berliner Trainer und Funktionäre, sie könnten sich nicht erinnern, dass Dönsdorf je gekommen sei, ohne Athleten zu bewerten. „Der kam doch nicht, um hier Veilchen blühen zu sehen“, sagt Frank Schwarz, Eiskunstlauf-Obmann des Berliner Verbands. Dass der Fall Dönsdorf fürs Präsidium abgehakt ist, hat er bei einer Obleute-Sitzung von DEU-Präsident Dieter Hillebrand erfahren.

Die Entscheidung empört ihn. „Man hätte Dönsdorf sofort abmahnen müssen“, sagt er. Der Sportdirektor gehe ja auch mit jungen Menschen um. „Wie soll dieser Mann jemals wieder Vertrauen aufbauen? Da wird doch jeder misstrauisch, wenn er einen bloß freundlich anlächelt.“ Für ihn sei das Verhalten von Dönsdorf eine „klare sexuelle Verfehlung. Wo kommen wir denn da hin, wenn so etwas nicht sanktioniert wird?“ Unabhängig von arbeitsrechtlichen Konsequenzen ist für Schwarz „der Vertrauensverlust das Allerschlimmste“. Dass Dönsdorf dem Eistänzer sogar noch dessen psychologische Betreuung bezahlen wollte, „ist ja eigentlich eine Frechheit“.

Auch Frieder Dieck, der Vizepräsident des Landesverbands Nordrhein-Westfalen, und Falko Kirsten, der Präsident des sächsischen Verbandes, sehen den Fall Dönsdorf überaus kritisch. Für Kirsten ist das vor allem eine Frage der Ethik. Ein Mann in Dönsdorfs Position könne sich generell nicht so gegenüber einem quasi untergebenen Kadersportler verhalten.

Karla Vogt-Röller, die Anwältin, möchte, dass der Eistänzer der DEU seine Sicht schildert. Bisher hatte es aus Termingründen kein Treffen gegeben. Für Harnos ergebe das keinen Sinn, den Sachverhalt kenne die DEU zur Genüge: „Was soll man da anhören?“ Doch für Vogt-Röller ist noch nichts erledigt. Seit die Rechtsanwältin gehört hat, dass die DEU-Führung intern den Fall als erledigt betrachtet, „ist meine Bereitschaft, Dönsdorf und die DEU auf Schadensersatz zu verklagen, enorm gestiegen“.

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