Sport : Eisschnellauf: Ein bisschen Spaß muss sein - aber nur ein bisschen

Ernst Podeswa

Ein paar Zuschauer mehr als in Berlin werden vermutlich auftauchen. Aber das liegt nicht an der Attraktivität Eisschnellauf. Obwohl die Deutschen dort seit vielen Jahren Goldmedaillen sammeln. Seit der Wende sowieso, weil in der DDR hervorragende Eisschnelläufer ausgebildet wurden, die nach dem Mauerfall für das vereinte Deutschland starteten. Aber auch schon zur Mauerzeit gab es in der Bundesrepublik mit Erhard Keller und Monika Pflug zwei exzellente Eisschnelläufer, die bei Olympischen Spiele spektakulär auftraten. Dass mehr Zuschauer kommen als in Berlin liegt schlicht daran, dass in Innzell in Bayern eigentlich eher wenig los ist. Allerdings besitzt die Stadt eine sehenswerte Eisbahn mit den imposanten Alpen im Hintergrund. Außerdem scheint der Termin günstig. Zwischen Weihnachten und Neujahr (29./30. Dezember) möchte mancher an die frische Luft. Da kommt ein Wettbewerb wie die Deutschen Meisterschaften (Mehrkampf und Sprint-Mehrkampf) der Eisschnellläufer gerade recht. Mit Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen. In Berlin kamen im Herbst bei deren Auftritten in der Halle des Sportforums zwischen 300 und 700 Besucher. In Inzell rechnet man mit 2000 bis 3000 Leuten.

Eigentlich nicht schlecht für eine Randsportart. Aber, gemessen an den Erfolgen bescheiden. Immerhin hat das ZDF bei den Winterspielen vor zwei Jahren in Nagano registriert, dass das Goldrennen der beiden Deutschen Claudia Pechstein und Gunda Niemann-Stirnemann mit Weltrekordtempo die höchste Einschaltquote in Deutschland verbuchte.

Weil die Erfolge seit der Wiedervereinigung mit den Goldgaranten aus Erfurt und Berlin anhalten, das Fernsehen durchaus mitspielt, aber kaum mehr Zuschauer erscheinen, kommt immer wieder mal eine Diskussion über Regeländerungen hoch. Zuletzt bei einem Medienseminar im November in Berlin. Günter Schumacher, Sportdirektor in der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), mag dieses Thema. "Wir müssen das Wettkampfprogramm verändern. Es muss für die Zuschauer spannender und interessanter werden - mit Kurzsprints, Mannschafts- und Verfolgungsrennen." Auch Magnus Enfeldt, Mann der Berliner Sprint-Weltmeisterin Monique Garbrecht-Enfeldt und offizieller Aktivensprecher des Weltverbandes ISU, meint: "Es muss mehr passieren beim Eisschnelllaufen, mehr Show oder anderes." Der beste 1500-m-Läufer Schwedens nennt als Beispiel: "Warum nicht 100-m-Sprints, drei Mann nebeneinander und dann mit Vor- und Endläufen?".

Ideen ähnlicher Art gibt es allerdings schon 15 Jahre und länger. Testrennen hier und da folgten. Beispielsweise 1993 in Inzell. Da wurden Deutsche Meister über 100 m und 300 m auf dem Eis ermittelt. Die Premierensieger Sabine Völker (Erfurt) und Timo Jankowski (Dresden) blieben ohne Nachfolger. 2001 erfährt eine Neuerung schliesslich ihre internationale Feuertaufe: Bei den Junioren-Weltmeisterschaften wird erstmals offiziell ein Staffel-Weltmeister ermittelt. Drei Junioren laufen acht Runden und reichen den Stab an drei Juniorinnen weiter, die sechs Runden zu absolvieren haben. Eine nicht ganz unproblematische Sache, denn bei einem Sturz hatte sich schon einmal ein Läufer durch die messerscharfen Stahlkufen erheblich verletzt.

Fehlende Publikumsresonanz ist das Motiv der Deutschen, die Regeln verändern zu wollen. In Holland sieht man dafür keine Notwendigkeit. Da sind die Hallen (fast) immer ausverkauft. "Die Wettkämpfe dürfen nicht zu lange dauern und müssen ein hohes Niveau haben. Das haben wir bei den Weltcups mit der B-Gruppe der Schwächeren und der folgenden A-Gruppe der Besten. So bleibt die Spannung, weil die Besten am Ende kommen", sagt Ard Schenk, dreimaliger Olympiasieger 1972 in Sapporo und heute Mitglied der Technischen Kommission der ISU. Bei den 10 000 m hält er die Form des Quartettsstarts - zu gleichen Zeit sind jeweils zwei Paare auf dem Eis - für geeignet, um die Zeit zu sparen. "Vielleicht sollte man auch statt der 5000 m im Mehrkampf die 3000 m einführen. Aber grundsätzliche Änderungen - nein."

Peter Mueller aus den USA, Olympiasieger 1976 in Innsbruck über 1000 m und gegenwärtig Trainer des holländischen Profiteams Spaar select, indes hält nichts von Neuerungen: "Das traditionelle Programm bei den Männern von 500 m bis 10 000 m ist völlig o.k. und sollte bleiben. Staffeln auf dem Eis interessieren micht nicht. Ich mag keinen Zirkus, sondern liebe den puren Sport. Und ich glaube, den meisten Eislauffreunden ergeht es nicht anders." DESG-Präsident Gerd Zimmermann (Inzell) hat vor ein paar Jahren die deutschen Reformwünsche zum Wettkampfprogramm auf den Tisch der ISU gebracht, war aber damit abgeblitzt. Heute ist er zugleich ISU-Vizepräsident und sieht das Problem etwas globaler: "Man könnte Anleihen aus den Wettkampfmodalitäten der Bahnradsportler nehmen. Doch die Richtung geben die Holländer vor. Die lieben nun mal den Mehrkampf, wie er ist. Da macht es wenig Sinn, Traditionelles aufzugeben, um vielleicht 50 oder 100 Zuschauer zu gewinnen."

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