Eisschnelllauf : Die Anti-Diva

Nach dem Zickenkrieg zwischen Claudia Pechstein und Anni Friesinger hat sich Jenny Wolf als Gesicht des deutschen Eisschnelllaufs etabliert

Frank Bachner

Berlin - Thomas Schubert lehnt sich gegen die breite Polsterung an der Bande. Er hat jetzt ein paar Minuten Pause, in der Eisschnelllauf-Halle in Hohenschönhausen machen sie gerade das Eis. Ein paar Minuten zuvor sind noch die weltbesten Sprinter an ihm vorbei gejagt, und Schubert hat sie interessiert beobachtet. „Wir werden bald auch mit Männern trainieren“, brummt er. „Das ist der nächste Schritt.“ Der logische Schritt. Schubert trainiert Jenny Wolf, die Sprint-Weltmeisterin, einen der Stars beim Weltcup in Berlin, und die ist inzwischen so schnell, dass sie neue Reize braucht. Bei ihrem ersten 500-Meter-Lauf in Berlin benötigte sie für die ersten 100 Meter 10,23 Sekunden, nur eine Hundertstelsekunde mehr als bei ihrem Weltrekord. Die deutschen Spitzensprinter mussten schon 50 Liegestützen machen, wenn sie im Training langsamer starteten als Jenny Wolf.

„Die hat enorm viel Kraft in den Beinen, deshalb ist sie so schnell“, sagt Schubert. Fast ein Jahr lang hat Jenny Wolf über 500 Meter jedes ihrer Rennen gewonnen, am Sonnabend musste sie sich erstmals Wang Beixing aus China knapp geschlagen geben. Trotzdem ist Berlin ihre Bühne. Claudia Pechstein, die fünfmalige Olympiasiegerin, ist durch eine Verletzung gehandicapt, Anni Friesinger, der andere deutsche Star, erst im Dezember wieder einsatzfähig. Das aktuelle Gesicht des Eisschnelllaufs ist eine 29-Jährige, die noch vor drei Jahren froh war, wenn sie in die Unauffälligkeit abtauchen konnte und von ihrem Sponsor für keinen einzigen PR-Termin angefordert wurde. Eine Frau, die still Literaturgeschichte studierte und im Sommer ihr Studium beendete. Eine Frau, die inzwischen souverän-ruhig mit Lächeln erzählt, „dass ich schon mächtig stolz war, als ich mich auf den Plakaten gesehen habe“. Die Plakate, mit denen mit ihr für den Weltcup geworben wurde.

Es ist einer der emotionaleren Sätze der Jenny Wolf. „Sie hat sich nicht verändert“, sagt Helge Jasch, der Teamchef der deutschen Eisschnellläufer. „Sie ist sehr still und ganz auf ihr Ziel konzentriert.“ Deshalb dürfte sie für den deutschen Eisschnelllauf derzeit die Idealbesetzung für ihre neue Rolle darstellen. Sie ist der Kontrapunkt zu den Diven Pechstein und Friesinger. Die haben durch ihren albernen, eitlen Zickenkrieg Eisschnelllauf in die Medien gebracht, sie haben sich gute Werbeverträge und ihrer Sportart exzellente TV-Präsenz verschafft. Aber sie haben zuletzt überzogen. Pechsteins Kleinkrieg mit dem früheren Chef-Bundestrainer Helmut Kraus und ihr Streit um Werbelogos auf dem Anzug, Friesingers Eskapaden, das alles nervte.

Jenny Wolf zeigt auf die Logos auf ihrem Trainingsanzug „Ich habe genügend Werbepartner. Auf einen mehr oder weniger kommt’s mir nicht an“, sagt sie. Ihrem Trainer geht das ganze Gehabe der Stars Friesinger und Pechstein auch auf die Nerven: „Jenny war früher die Literaturstudentin, jetzt ist die ehemalige Literaturstudentin, ganz einfach. Sie wird nie so sein wie Friesinger und Pechstein.“ Dann wird sein Blick eine Spur härter. „Sie würde auch nicht solche Dinge machen, um so zu werden wie die beiden.“

Jenny Wolf lebt von ihrer Klasse, ganz einfach. „Sie ist ein Symbol für Natürlichkeit“, sagt Gerd Heinze, der Chef der Deutschen Eisschnelllaufgemeinschaft (DESG). Er hat das ganze Theater mit Pechstein und Friesinger miterlitten, jetzt sagt er: „Es ist natürlich schon gut, wenn man nicht ständig solche Konflikte hat. Aber ich möchte da gar nicht so sehr die Sportlerinnen anklagen, die sind ja auch fremdgesteuert.“ Von ihren Managern, will er damit sagen.

Jenny Wolf hat ihr Selbstbewusstsein im gleichen Maße gesteigert wie die Zahl ihrer Titel, aber es gibt keinen Hinweis, dass sie ihre Rolle überhöht. „In der Trainingsgruppe“, sagt Helge Jasch, „spricht man nicht viel über ihre großen Erfolge und ihre Bedeutung.“ Man fühlt aber einfach, dass sie diesen Respekt erhält. Jenny Wolf ist Patin von Kindern, die von einem Lichtenberger Pflegedienst betreut werden. Es lief ganz unkompliziert, Wolf lebt seit vielen Jahren in Lichtenberg, sie hat die Not vor der Haustür gesehen. Natürlich redet sie darüber, aber es ist die natürliche, eher zurückhaltende Art, die sie von anderen, die ihr soziales Gewissen präsentieren, unterscheidet. Sie geht auch an Schulen, holt die Kinder und Jugendlichen zum Probetraining, gibt dort Autogramme. Nichts Besonderes, aber Jenny Wolf ist nun eine Sympathieträgerin, die noch keinen Stoff für kritische Porträts geliefert hat. „Vielleicht gibt es ja, etwas übertrieben gesagt, einen Boris-Becker-Effekt durch sie“, sagt Jasch. „Natürlich nicht sofort, das wird noch dauern.“

Es sollte nicht zu lange dauern, Pechstein, Friesinger und Wolf werden in den nächsten zwei, drei Jahren zurücktreten. Gerd Heinze spielt schon mal eine Alternative durch. Hinter ihm läuft Monique Angermüller vorbei, die attraktive Läuferin aus Berlin. Heinze blickt ihr kurz nach, dann murmelt er: „Das könnte mal eine werden.“ Angermüller ist 24, sie hat noch ein bisschen Zeit. Die braucht sie auch. Bei der Einzelstrecken-WM 2008 wurde sie über 1500 Meter Zwölfte.

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