Sport : Eisschnelllauf: Ein bisschen mehr Anerkennung

Ernst Podeswa

"Ich hatte fast den Eindruck, es handele sich um eine Frauen-Europameisterschaft", sagt Michael Künzel. Der beste deutsche Eissprinter meint die Berichterstattung von den Mehrkampf-Europameisterschaften im Eisschnelllaufen am vergangenen Wochenende. Das Pech der gestürzten Titelverteidigerin Anni Friesinger, die Wettkampfstärke der Weltmeisterin Claudia Pechstein und die erfolgreiche Aufholjagd der Rekordweltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann - all das wurde bei ARD und in den Printmedien lang und breit dargestellt. "Aber dass der dritte Platz von Frank Dittrich über 10 000 m so gut wie gar nicht erwähnt wurde, finde ich mehr als schade", bedauert der 27-jährige Künzel vom Berliner EHC.

Was sich bei der EM in Baselga de Pine abspielte, dürfte sich am Sonnabend und Sonntag bei den Sprint-Weltmeisterschaften in Inzell in ähnlicher Form wiederholen: Die deutschen Damen stehen im Focus - die Herren werden nur eine Rolle am Rande des Interesses abbekommen. Denn die Berlinerin Monique Garbrecht geht als Titelverteidigerin auf das Eis. Aussichtsreich, wie die jüngsten Weltcuprennen verrieten.

Künzel, gelernter KFZ-Mechaniker, Angehöriger einer Sportförderkompanie und seit Sommer Abendschul-Abiturient, trat in dieser Saison noch nicht beim Weltcup an. Als es im Dezember damit losgehen sollte, stürzte er beim Starttraining aufs Knie. Prellungen, Bänderdehnung. Den Vergleich mit der Weltelite in Südkorea und Japan musste er sausen lassen und flog nach Berlin retour. Erst bei den Deutschen Meisterschaften zwischen Weihnachten und Neujahr war er wieder fit, beherrschte da die nationale Konkurrenz über 500 m und 1000 m sowie im Mehrkampf. Im Vorjahr hatte er mit Rang eins über 1000 m in Warschau eine mehrjährige Flaute beendet: Es war der erste Weltcuperfolg eines deutschen Sprinters seit dem Abschied des Doppel-Olympiasiegers Uwe-Jens Mey Mitte der 90er Jahre.

"Dass die Frauen in unserer Sportart soviel Medienaufmerksamkeit bekommen, ist schon in Ordnung. Ihre Leistungen sind überragend und weit besser als unsere. Sie sind Weltspitze, wir bestenfalls im erweiterten Kreis der Weltelite", so der Berliner. Aber dann sollte "nicht unter den Tisch gekehrt werden, wenn einer wie Dittrich auf einen Medaillenplatz läuft". Er selber könne sich nicht beklagen, was die Medien angehe, "sonst hätten Sie ja nicht hier in Inzell angerufen". Wobei die Orientierung auf die Kolleginnen auch ihr Gutes hätte. Für "Bekannte, Verwandte oder Interessierte, die wenigstens etwas auf dem Bildschirm sehen, statt im Videotext nachzublättern". Und natürlich für die "Popularität des Eisschnelllaufens generell".

Der WM-Startverzicht der Inzellerin Anni Friesinger, für die Jenny Wolf (Berlin) nachrückte, könnte Künzels Stellenwert bei den heimischen Medien erhöhen. Im Vorjahr war er immerhin WM-Siebenter und deutete in der Vorwoche mit 36,33 Sekunden in Berlin seine gute Verfassung an. Favoriten seien die Kanadier mit Wotherspoon und Ireland, der Japaner Shimizu und die Holländer. Künzel möchte "vier gute Läufe hinlegen und schauen, was dabei herauskommt." Vielleicht wird das so gut, dass dies auch die entsprechende mediale Anerkennung findet.

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