Sport : Eisschnelllauf-Europameisterschaften: Schmerzhafte Erkenntnisse

Ernst Podeswa

So etwas kann passieren, wenn man sich im Sport selbst zu stark unter Druck setzt: Diese Binsenweisheit musste gestern zum Auftakt der Eisschnelllauf-Europameisterschaften (Mehrkampf) in Baselga de Pine/Italien Anni Friesinger schmerzhaft zur Kenntnis nehmen. Nachdem sie ihren ersten 500-m-Lauf trotz Behinderung der danach disqualifizierten Holländerin Renate Groenevold nach 40,27 Sekunden beendet hatte, wollte sie noch schneller sein. Doch im Wiederholungslauf ohne Gegnerin stürzte sie. Die Inzellerin, die am Vorabend ihren 24. Geburtstag feierte, lag 20 Minuten schockiert auf dem Eis. Im Krankenhaus Trento wurden jedoch keine Brüche festgestellt. Bis heute neun Uhr wird entschieden, ob sie zur Fortsetzung über 1500 m und 3000 m antreten kann.

Der Schützling des konsternierten Trainers Markus Eicher hatte schon zu Saionbeginn beim Weltcup im November in Berlin erklärt: "Ich will meinen EM-Titel aus dem Vorjahr unbedingt verteidigen. Das ist das Wichtigste in diesem Winter für mich." Diese Absicht konnte die 1500-m-Einzel-Weltmeisterin von 1998 mit überzeugenden Rennen bis zum EM-Beginn eindrucksvoll unterstreichen: Schnell wie bisher nie über 500 m, besser denn je über 3000 m und 5000 m sowie bei nationalen Meisterschaften und Weltcups ungeschlagen auf ihrer Paradestrecke 1500 m. "Wenn Anni über 500 m eine Sekunde schneller ist als Gunda, dann hat sie beste Chancen auf den erneuten EM-Titel", hatte ihr Trainer vor dem gestrigen Malheur frohgemut verkündet.

Ihre Kolleginnen Gunda Niemann-Stirnemann (Erfurt) und Claudia Pechstein (Berlin) dagegen hatten sich öffentlich Zurückhaltung auferlegt. Der 34-jährigen Erfurterin, die von 1989 bis 1996 sieben Mal Kontinentbeste wurde, dazu mehrfach Weltmeisterin, Weltrekordlerin und Olympiasiegerin, meinte vorher: "Für mich geht es diesmal nicht um Titel oder Medaillen. Ich nutze die EM als Vorbereitung auf den Saison-Höhepunkt mit den Einzelstrecken-Weltmeisterschaften Salt Lake City." Ob sie das auch wirklich so gemeint hat, muss offen bleiben. Denn ihr nie versiegender Ehrgeiz ist das Markenzeichen der Rekordweltmeisterin. Die Zuschauer des ZDF honorierten das zuletzt im Dezember mit Wahl zur "Sportlerin des Monats". Auch, weil sie da nach einem erfolgsarmen Vorwinter in Heerenveen ihren Weltrekord über 5000 m verbessert hatte. In Baselga, etwa 1000 m hoch in den Dolomiten gelegen, blieb sie mit 41,68 Sekunden auf Platz 15 und weit von einer guten Ausgangsposition zum achten EM-Titelgewinn entfernt. Nach einer Fastkollision mit ihrer russischen Partnerin verzichtete sie jedoch auf einen Wiederholungslauf.

Die erste Favoritin gestürzt, die zweite enttäuscht, dennoch besitzt das deutsche Aufgebot alle Aussichten auf den finalen EM-Triumph. Weil die 28-jährige Dreifach-Weltmeisterin 2000 (Mehrkampf/1500 m/3000 m), Claudia Pechstein, eine Topleistung auf der eher ungeliebten Sprintdistanz bot. Mit 39,88 Sekunden erreichte sie persönliche Bestzeit und blieb als einzige unter der 40-s-Marke. Ihr trockener Kommentar: "Ich bin halt ein Wettkampftyp."

Vor der EM hatte sie erklärt, der Titelkampf sei für sie "vor allem eine Durchgangsstation zu den Einzelstrecken-WM im März in den USA". Natürlich wolle sie möglichst gut laufen, "ein paar Leute ärgern, aber nicht auf Biegen und Brechen den Titel anstreben." Nun besitzt sie als stärkste Langstrecklerin hinter Gunda Niemann-Stirnemann die besten Möglichkeiten, um nach 1998 ihre zweite EM-Krone zu erobern.

Allerdings hatte die Bundeswehr-Angehörige zuvor an eine andere Binsenweisheit des Eisschnelllaufs erinnert - dass "bei Freiluft-Wettkämpfen Überraschungen eher möglich sind als in der Halle." Spätestens seit gestern wird das auch bei Anni Friesinger im Bewusstsein verankert sein.

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