Eisschnelllauf-Gold : "Das kann man glatt als Krimi verkaufen"

Die artistische Einlage von Anni Friesinger-Postma brachte ihr Team ins Finale. Dort holten die Eisschnellläuferinnen Gold: eine unglaubliche Geschichte.

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Der Beste sagt Tschüss. André Lange (links), hier mit seinem Anschieber im Viererbob, ist in Vancouver zum erfolgreichsten Piloten...X00410

Als kleines Mädchen lernte Anni Friesinger-Postma in der örtlichen Badeanstalt von Inzell, die heute Badepark heißt, schwimmen. Bei Markus Eicher – dem Mann, der sie später zum Eisschnelllauf brachte. Eicher betreute sie jahrelang als Heimcoach, ist mittlerweile Bundestrainer und erinnerte sich am Samstag in Kanada aus gutem Grund an seine Zeit als Inzeller Bademeister. Denn Anni Friesinger ist am Samstag wieder geschwommen. Auf dem olympischen Eis von Richmond, nachdem sie im Halbfinale des Teamwettbewerbs durch einen, wie sie sagt, „Schaukler“ in der vorletzten Kurve noch aus dem Tritt gekommen war. Danach plumpste sie entkräftet zu Boden, lag bäuchlings da und glaubte, vor Scham im Boden versinken zu müssen.

Ihre beiden Mitstreiterinnen Stephanie Beckert und Daniela Anschütz-Thoms, mit denen sie die sechs Runden bewältigte, hatten von ihrem Schaukler nichts mitbekommen, sausten weiter und hielten die hektischen Zurufe der Trainer wegen des Lärms in der Halle fälschlicherweise für das Signal, noch einmal richtig Dampf zu machen. „Wir haben es definitiv zu spät gemerkt. Als ich es Steffi in der letzten Kurve zugebrüllt habe, war es schon zu spät – und Anni musste das alleine machen“, beschrieb Anschütz-Thoms die dramatischen Sekunden. Das Missverständnis war der Beginn für „ein toughes Happy End“, wie Friesinger es ausdrückte. Nachdem sie sich im Halbfinale hilflos wie eine Schwimmerin auf dem Eis bewegt hatte und weitergerutscht war, warf sie auf der Ziellinie artistisch den rechten Schlittschuh nach vorne und machte den entscheidenden Kick. Friesingers Schlittschuh löste die Stoppuhr aus – und die deutschen Frauen waren trotz ihres Freischwimmers um zwei Zehntel schneller als das US-Trio. Das bedeutete: Finale.

Dass die Deutschen im Endlauf eineinhalb Stunden später – nun mit der Berlinerin Katrin Mattscherodt anstelle von Friesinger – mit dem Hauch von 0,02 Sekunden Vorsprung auf die Japanerinnen auch noch Gold gewannen und damit ihren Titel von der Teampremiere in Turin verteidigten, war der krönende Abschluss dieser unglaublichen Geschichte. Vor allem die 35-jährige Anschütz-Thoms, die in ihren beiden Einzels in Vancouver Vierte wurde, konnte ihr Glück kaum fassen. Schluchzend tappte die Erfurterin nach der Siegerehrung durchs Olympic Oval und stieß hervor: „Ich kann nicht mehr. Was hier abgegangen ist, kann man glatt als Krimi verkaufen.“

Und an diesem potenziellen Bestseller schrieb Markus Eicher eifrig mit. „Gut, dass ich die Anni früher das Schwimmen gelehrt habe“, juxte der Bundestrainer und nannte Details: „Mit dem Brustschwimmen haben wir angefangen.“ Mit jener Disziplin also, in der seine einstige Schwimmschülerin sich am Samstag nach ihrem Sturz wie ein gestrandeter Fisch ins Ziel rettete. „Das Wasser ist jetzt eben gefroren“, sagte Eicher, vergaß neben Friesingers unfreiwilliger Einlage aber nicht, ihren entscheidenden Beinschlag zu würdigen: „Daran, wie sie diesen Scherenschlag noch hinbekommen hat, sieht man, dass sie ein alter Hase ist.“ Ein alter Hase, der in Richmond einen Tag „voller Höhen und Tiefen“ erlebte. „Das war wie im Karussell“, sagte Friesinger zu einem der bizarrsten Momente bei diesen Winterspielen. „Ich dachte, ich hab’s verschissen und den anderen alles kaputt gemacht. Aber dann hab’ ich hochgeschaut und die 1 hinter Deutschland gesehen. Da war alles wieder gut“, sagte die Bayerin. Und: „So etwas bitte nie wieder.“

Denn solche Erlebnisse hält selbst das große Kämpferherz von Anni Friesinger, die wegen ihrer Knieprobleme kurz nach dem denkwürdigen Halbfinale freiwillig auf einen Start im Endlauf verzichtete, nur schwer aus. „Sie läuft ja nicht ohne Grund seit 15 Jahren in der Weltspitze mit“, sagte Markus Eicher. Eine Idee wäre nun gewesen, nach dieser unglaublichen Show in Richmond den Rücktritt zu erklären. Aber Friesinger will – mit heilem Knie – noch bis zur Einzelstrecken-WM im nächsten Jahr weitermachen. Die WM findet in Inzell statt und könnte am Ende ihrer Karriere einen wunderbaren Bogen zu den Anfängen schlagen. Vielleicht machen Anni Friesinger und Markus Eicher dann ja auch einen kleinen Erinnerungsspaziergang zum Inzeller Schwimmbad.

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