Sport : Eisschnelllauf ist auf dem Weg zu einer Ganzjahres-Sportart

Ernst Podeswa

Mit persönlicher Bahnbestzeit von 36,16 Sekunden über 500 m war Michael Künzel am zweiten Tag des Sprint-Weltcups der Eisschnellläufer Neunter. Diese Zeit hätte der deutschen Nummer Eins vor zehn Monaten an gleicher Stelle zu Rang drei gereicht. Mehr noch: Auf allen vier Strecken - je 500 m und 1000 m der Männer und Frauen - waren am Wochenende im Sportforum die Siegerleistungen besser als beim Weltcup Ende Januar. Obwohl die Weltelite sich seinerzeit kurz vor den Weltmeisterschaften und fast in Hochform befand, diesmal hingegen nur der Saisoneinstieg absolviert wurde.

Der Ice-Hochgeschwindigkeitszug bewegt sich schon zum Saisonauftakt mit voller Kraft wie sein "großer Bruder" ICE. "Das zu beobachten, ist schon faszinierend", meinte Künzel. Bundestrainer Achim Franke (Berlin) hat erkannt: "Wir stehen am Beginn eines Winters ohne olympischen Höhepunkt und dennoch musst du bereits am Anfang schneller laufen, nur um deinen Platz zu halten."

Die Ursache für die deutlichen Fortschritte im Sprintbereich sind vielfältig: Da sind die zunehmend professionellen Bedingungen durch die multinationalen Profiteams in Holland. Da ist die besondere Motivation der Asiaten durch die Sprint-WM Ende Februar in Seoul (Korea) und die Einzelstrecken-WM Anfang März in Nagano. Verbunden mit der Entdeckung der Eis-Schnelligkeit im einstigen "Reich der Mitte". Mit einem Großaufgebot von 70 Aktiven kam Chinas Verband im Sommer zur Kunsteisbahn nach Calgary. Ein Talentekader aus einem Reservoir von 1,2 Milliarden Menschen. In China gebe es derzeit, so war in Berlin zu erfahren, fünf Kunsteisbahnen für die Eisflitzer sowie die erst bei Frost benutzbaren Pisten. Firmenteams wie in Japan kennt man nicht. Die schwierige Materialausstattung liegt in den Händen von Polizei und Armee oder kommt vom Verband. Die Perspektiven des neuen Mitbewerbers zeigte die 18-jährige 1500-Meter-Läuferin Li Song auf, die sich in Inzell und Heerenveen in die Spitze schob.

Die kostspielige Exkursion der Chinesen nach Kanada kommt nicht von ungefähr. Denn das Eisschnelllaufen wird immer mehr zur Ganzjahres-Sportart. Wer vorn mitlaufen will, muss schon im August schnelle Runden drehen. Das ist möglich dank der Hallen von Calgary bis Nagano, von Heerenveen bis Berlin. Eigentlich könne man kaum noch von einem Wintersport reden, meinen die Experten.

"Die Sportlerinnen und Sportler können auch immer besser die Vorzüge des Klappschlittschuhs nutzen", bemerkte Stephan Gneupel, Trainer der Weltmeisterschafts-Dritten Sabine Völker und der erfolgreichsten deutschen Eisschnellläuferin, Gunda Niemann-Stirnemann. "Er ist zwar technisch schwieriger zu beherrschen, bringt aber höhere Geschwindigkeiten und durch das längere Verbleiben der Kufen auf dem Eis in den Kurven mehr Sicherheit." Als die Kufen noch fest mit der Fußsohle verbunden waren, sei auch das Eis wesentlich stärker ramponiert worden.

Noch kompakter ist auch die Leistungsdichte der Eliteläufer geworden. Hätte Michael Künzel über 500 m das Ziel nur eine Zehntelsekunde früher erreicht, wäre er von Platz neun auf die vierte Position vorgerutscht. Eisschnelllaufen ist ein Sport der Hundertstelsekunden geworden.

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