Eisschnelllauf : Jenny Wolf schlägt Anni Friesinger

Die Berlinerin wird erstmals Weltmeisterin im Sprint. Ihr Triumph über Rivalin Anni Friesinger ist eine der größten Überraschungen in der 38-jährigen Geschichte der Sprint-Weltmeisterschaften.

Frank Thomas
Jenny Wolf
Eis-Wunder. Jenny Wolf sprintet schneller als Anni Friesinger. -Foto: dpa

HeerenveenErst schlug sie fassungslos die Hände vors Gesicht, dann verdrückte sie unter dem Jubel der Fans ein paar Tränen: Jenny Wolf hat mit dem Weltmeistertitel im Sprint Geschichte geschrieben. Im Eisschnelllauf- Mekka Heerenveen blieb der großartig kämpfenden Titelverteidigerin Anni Friesinger "nur" der zweite Platz, mit dem sie den ersten Doppelerfolg deutscher Sprinterinnen seit 20 Jahren perfekt machte. 1988 hatten die beiden Dresdnerinnen Christa Rothenburger und Karin Kania die Konkurrenz dominiert.

"Das ist ein Traum. Ich kann nicht begreifen, was hier passiert ist. Nie hatte ich an den Titel geglaubt, eine Medaille erschien mir das höchste der Gefühle", jubelte Jenny Wolf nach dem "Eis-Wunder" über ihren von niemand erwarteten Premieren-Titel, für den sie auch noch 12.500 Dollar Preisgeld einstreichen durfte. Mit zwei fantastischen 500-m-Läufen legte sie die Grundlage für ihre erste Vierkampf-Medaille, nachdem sie zuvor die Titelkämpfe noch als "besseres Training" herabgestuft hatte. "Wenn ich den Mund zu voll genommen hätte, wäre das vielleicht nach hinten losgegangen", versuchte sie ihr Understatement zu begründen.

Mit Rekord die Konkurrenz geschockt

Vor 12.000 Fans in der ausverkauften Thialf-Arena hatte sie gleich zum Auftakt mit dem "Flachland-Weltrekord" von 37,64 die Konkurrenz geschockt. Mit ihren 37,60 im zweiten Rennen am Sonntag unterbot sie die inoffizielle Bestzeit für Bahnen außerhalb der schnellen Gebirgs-Ovals von Calgary und Salt Lake City noch einmal und schuf sich ein Polster von 2,96 Sekunden für das große Finale gegen Friesinger. Doch auch über 1000 Meter präsentierte sich die Berlinerin stark verbessert und kam nach Rang sechs am Vortag diesmal in 1:17,09 Minuten auf Platz 7. Bereits zum neunten Mal war die Weltrekordlerin, die vor einem Jahr in Salt Lake City erstmals auch das Siegertreppchen über 500 Meter bestiegen hatte, bei einer Sprint-WM am Start. Bislang war ein 13. Platz vor zwei Jahren die beste Ausbeute für die 28 Jahre alte "Spätstarterin".

Anni Friesinger trug ihre Niederlage mit Fassung und freute sich auch über Silber. "Ich habe alles gegeben. Jenny war einfach nur Wahnsinn", konstatierte sie nach ihrem verpassten 14. WM-Titel. Über die Kurzstrecke verlor die beste 1000-m-Läuferin der Saison zu viel Zeit auf die neue Weltmeisterin. "Ich gebe mir eine schöne B-Note, aber die Explosivität fehlte. Die Vorbereitung war eben nicht ideal", meinte die Inzellerin. Somit reichten die auch von den Oranje-Fans gefeierten Top-Leistungen auf ihrer Paradestrecke mit den Rängen 1 und 2 (1:15,58 und 1:15,82) nicht, um sich die Krone erneut aufzusetzen. Platz zwei verteidigte sie aber sicher vor der Niederländerin Annette Gerritsen.

Pech für Wang

Tragisch endete die WM für die eigentlich härteste Konkurrentin der Deutschen, Beixing Wang. Nachdem sie sieben Tage vergeblich auf ihre beim Flug verloren gegangenen Schlittschuhe warten musste, war die Chinesin gezwungen, mit Ersatzschuhen anzutreten. Damit büßte sie als Zwölfte nach zwei Strecken alle Chancen ein. Kurioserweise kamen die Schuhe im Hotel an, als alles verloren war. Entnervt gab sie auf.

In der Herren-Konkurrenz steuerte Topfavorit Jeremy Wotherspoon seinem fünften Titel entgegen. Der Kanadier führte nach drei Strecken das Klassement an. Samuel Schwarz (Berlin) lag als bester Deutscher auf Platz 17. Mitfavorit Jan Bos (Niederlande) musste nach einem Sturz auf den zweiten 500 Metern alle Medaillen-Hoffnungen begraben. (dpa)

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