Eisschnelllauf : Pechstein: Eine gegen viele

Bei der Eisschnelllauf-Weltmeisterschaft im bayerischen Inzell könnte das Thema Pechstein alle anderen Nachrichten überstrahlen.

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Berlin - Helge Jasch hat sich schlau gemacht, jetzt ist er zufrieden. „Franziska Schenk arbeitet in Inzell mehr im Hintergrund, sie muss keine Live-Interviews führen“, sagt der Teamleiter der deutschen Eisschnellläufer erleichtert. Schade eigentlich, es wäre ganz unterhaltsam gewesen, wenn die ARD-Reporterin Schenk vor laufender Kamera gerufen hätte: „Claudia, bitte, nur zwei Fragen. Komm’ doch wenigstens kurz.“ Schwenk mit der Kamera, Blick auf Claudia Pechstein, die kommentarlos wegmarschiert.

Die fünfmalige Olympiasiegerin Pechstein redet nicht mehr mit der Ex-Weltklasse-Eisschnellläuferin Schenk. Die hatte angeblich abfällig über Pechstein geredet. Pechstein hatte sich Schenk schon beim Weltcup-Finale in Heerenveen verweigert, sie würde bestimmt auch bei der WM in Inzell stumm bleiben.

Die beginnt heute, und Jasch hat ein wenig Sorge, dass das Thema Pechstein in seinen verschiedenen Varianten alles andere überstrahlt. Ausgerechnet bei einer Heim-WM. Inzell ist ja auch die Chance, andere, wenig beachtete deutsche Athleten stärker ins Scheinwerferlicht zu rücken. „Ich denke, dass sich alle Beteiligten professionell verhalten“, sagt Jasch.

Dass Pechstein auf jeden Fall das große Thema ist, steht jetzt schon fest. Unklar ist nur, wie groß. Am Mittwoch ging es schon los, die Pechstein-News war, dass sie wie erhofft Sonderurlaub von der Bundespolizei erhalten habe. Die WM ist ihre Comeback-Tribüne nach zwei Jahren Sperre wegen eines umstrittenen Dopingbefunds, im Kampf um ihre Unschuld hat sich die 39-Jährige allerdings auch einige Kontrahenten verschafft. Die spannendste Frage lautet freilich: Holt sie am heutigen Donnerstag sogar eine Medaille über 3000 Meter? „Es ist nicht auszuschließen“, sagt Jasch. Schließlich hat er „bei vielen ausländischen Athleten nach der langen Saison Ermüdungserscheinungen“ beobachtet. Pechstein lief in Heerenveen schon auf Rang vier. Betreut wurde sie dabei von Joachim Franke, ihrem langjährigen Coach. Der hat sein Rentnerdasein unterbrochen und sie schon während ihrer Sperre wieder trainiert. Edelmetall in Inzell wäre der größte Erfolg des Duos.

Und mit größtem Interesse dürften die beiden verfolgt haben, was der „Bayerische Rundfunk“ gestern berichtete: Die Uniklinik Ulm habe bei zwei Eisschnellläuferinnen Blutanomalien diagnostiziert. Pechstein war wegen schwankender Blutwerte gesperrt worden.

Also wieder etwas im Zusammenhang mit Pechstein. Mit ihr gibt’s ja noch eine ganz andere Baustelle für Jasch. „Wir haben Ungereimtheiten, das ist ja bekannt“, sagt er. Mit Stephanie Beckert, große Medaillenkandidatin über 3000 Meter und 5000 Meter, ist Pechstein ebenso zerstritten wie mit Schenk. Die junge Erfurterin hatte kritisiert, dass die gesperrte Pechstein bei einem Trainingslager der Deutschen „individuell“ mittrainiert hatte. Das nahm ihr Pechstein übel. „Ich habe mit beiden gesprochen“, sagt Jasch. „Ich bin überzeugt, dass sie sich vernünftig benehmen.“ Pechstein und Beckert müssen ja auch noch beim Teamwettbewerb gemeinsam laufen, dort peilen die Deutschen eine Medaille an.

In dem mutmaßlichen Getöse rund um Pechstein könnte die Revanche der eher stillen Jenny Wolf über 500 Meter glatt in den Hintergrund rutschen. Die Berlinerin will Rache an Lee Sang-Hwa. Die Südkoreanerin hatte der Deutschen mit dem Lauf ihres Lebens 2010 den Olympiasieg weggeschnappt. Wolf ist bis heute noch nicht darüber weg. Die 32-Jährige ist Titelverteidigerin und Weltrekordhalterin, sie hat seit 2007 bei einer WM auf dieser Strecke nicht mehr verloren.

Hinter Pechstein, Wolf und Beckert stehen aber noch andere Athleten, und Jasch hofft, dass die auch beachtet werden. Die Männer zum Beispiel. Von denen erwartet er „gute Top-Ten-Ergebnisse“. Samuel Schwarz, Nico Ihle, Patrick Ebert, sie haben sich international eher unbeachtet auf beachtlichem Niveau stabilisiert. Schwarz gewann im Dezember im Weltcup sogar über 1000 Meter.

Aber die Männer sind selbstverständlich ganz schnell Randthema, wenn sich die prominenteste Ko-Moderatorin des niederländischen TV-Senders NOR um ein Pechstein-Interview bemühen sollte. Die Ko-Moderatorin ist Pechsteins größte Intimfeindin.

Sie heißt Anni Friesinger-Postma.

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