Eisschnelllauf : Samuel Schwarz: Philosoph auf dem Eis

Der Berliner Eisschnellläufer Samuel Schwarz steht noch im Schatten der erfolgreicheren Frauen – seine Trainer bescheinigen ihm großes Potenzial.

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Glück als Gewohnheit. Samuel Schwarz hat sich unter den besten zehn Eisschnellläufern der Welt etabliert, im Dezember gewann er sein erstes Weltcup-Rennen.
Glück als Gewohnheit. Samuel Schwarz hat sich unter den besten zehn Eisschnellläufern der Welt etabliert, im Dezember gewann er...Foto: dpa

Die Gerüste an der Glasfassade sind Samuel Schwarz egal, und dass Bauarbeiter noch bis zum ersten Startschuss Leitungen verlegt haben, was soll’s denn schon? Sie sind eben nicht ganz rechtzeitig fertig geworden, die Bauarbeiten an der neuen Inzeller Eisschnelllauf-Halle. Viel wichtiger ist dem 27-Jährigen, was unter ihrem Dach, im Schein der hell gleißenden 17 Oberlichter passiert. Die deutschen Fans sollen ihn bei der Weltmeisterschaft anfeuern, sie sollen mächtig Party machen und sie sollen die holländischen Fans übertönen. „Bei der WM setze ich auf echte Deutschland-Stimmung, die Holländer haben ja sonst auf der ganzen Welt Heimvorteil“, sagt Schwarz.

Genau genommen hatten sie auch gestern Heimvorteil. Die Holländer übertönten die deutschen Fans locker, aber Schwarz sah das ebenfalls gelassen: „Sie haben mich auch angefeuert, die waren fair.“ Schwarz lief auf Rang neun über 1000 Meter, das war in Ordnung. „Wenn er unter die ersten zehn kommt, ist das ein gutes Resultat“, hatte der deutsche Teamleiter Helge Jasch vorher gesagt. „Der Samuel hat noch Reserven, er kann sich noch steigern.“

Das ist der Punkt. Samuel Schwarz vom SC Berlin ist ein Mann, der sich zielstrebig nach vorne arbeitet, immer noch im Schatten der besten deutschen Frauen, aber einer, der noch Potenzial für Plätze unter den besten Fünf hat. Im Dezember 2010 gewann er überraschend ein Weltcup-Rennen über 1000 Meter. Es war der erste Weltcup-Sieg eines Deutschen seit neun Jahren. Am meisten überrascht war wohl Shani Davis, der US-Amerikaner, der gestern in Inzell Gold über 1000 Meter gewann. Dass er von diesem Deutschen besiegt würde, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

Ein paar Tage nach dem Sieg hatte Schwarz seinen Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“. Er redete über seine enorme Geschwindigkeit auf dem Eis („60 Stundenkilometer“), über die extreme Konkurrenzsituation auf seiner Strecke, über die Schmerzen auf der letzten Runde. Und am Ende traf er an der Torwand noch einmal ins Loch. Für kurze Zeit war er angekommen. Man beachtete ihn, man beachtete einen deutschen Eisschnellläufer.

Gestern hatte der 27-Jährige sogar auf einen Platz unter den besten Sechs gehofft, so ganz für sich, ohne dass er das vorher groß publik gemacht hätte. Er war beim Weltcup-Finale von Heerenveen Siebter, da ist so ein Ziel nicht vermessen. Aber gestern fehlte ihm im letzten Abschnitt die Kraft. „Technisch gesehen habe ich aber einen guten Lauf gezeigt“, sagte Schwarz. Er hatte zwar einen Fehlstart verursacht, aber der brachte ihn im Rennen nicht aus dem Rhythmus.

Samuel Schwarz gehört zu den deutschen Eisschnellläufern, die mehr Selbstbewusstsein als früher ausstrahlen. Was die Aufmerksamkeit der Medien angeht, befinden sie sich immer noch in der zweiten Reihe, aber Schwarz geht die Sache eher sportlich an. „Abgesehen von Jenny Wolf bewegen wir Männer uns im Sprint durchaus auf Augenhöhe mit den Frauen. Da sind wir längst nicht mehr im Schatten.“ Sein Weltcup-Sieg, gut, das sei natürlich ein Ausreißer nach oben gewesen, aber die anderen Plätze, die stabil herausgelaufenen Resultate der Männer unter den Top Ten, „das sind ja keine Zufallsprodukte“, wie Schwarz betont. Der frühere, nach den Olympischen Spielen 2010 entmachtete Männer-Bundestrainer Bart Schouten , hatte Schwarz immer wieder erzählt, dass er das Potenzial für vorderste Plätze habe. Der Holländer kümmerte sich vor allem um eine gute Technikausbildung.

Für die philosophischen Betrachtungen sorgt Schwarz selber. In seinem hautengen Anzug, eine Jacke auf dem Oberkörper, dachte der 27-Jährige nach dem Rennen über die Resultate der deutschen Männer nach, blickte seine Zuhörer an und verkündete dann erhaben: „Wenn das Glück zur Gewohnheit wird, dann müssen Fähigkeiten vorhanden sein.“

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