Sport : Eisschnelllauf-Weltcup: Epo läuft mit

Ernst Podeswa

Für reichlich eine halbe Stunde ließ das Gros der Journalisten gestern im Sportforum den Weltcup Weltcup sein. Der Vorstand des Internationalen Eislauf-Verbandes ISU, Sparte Eisschnelllaufen, sah sich zu einer Pressekonferenz genötigt. Aus aktuellem Anlass. Dieser war mit Presseveröffentlichungen in Norwegen und Holland gegeben. In der Osloer Zeitung "Verdens Gang" hatte der norwegische Arzt Jim Stray Gunderson informiert, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Teilnehmer der vorjährigen Mehrkampf-Weltmeisterschaften in Milwaukee und der folgenden Einzelstrecken-Welttitelkämpfe in Nagano erhöhte Hämatokritwerte aufgewiesen hatten. Gunderson hatte im Auftrage der ISU Bluttests vorgenommen. Wie er der Boulevardzeitung bestätigte, könne man daraus auf Doping mittels Epo oder anderer Präparate schließen.

Gegenüber der holländischen Zeitung "De Telegraaf" schränkte der Mediziner jedoch ein, das seien keine direkten Beweise. Beispielsweise liege der Wert der holländischen Olympiasiegerin Marianne Timmer bei 47,4, als Grenzwert sieht die Medizinische Kommission der Eisschnellläufer 47,0 an. Der internationale Radsportverband zieht den Grenzwert bei 52,0, die Skilangläufer meinen, ab 54,0 sei eine künstliche Zufuhr von Medikamenten zur Erhöhung des Anteils von roten Blutkörperchen zu vermuten. Wer höhere Werte hat, wird bisher aus Gründen des Gesundheitsschutzes zwei Wochen für Wettkämpfe gesperrt. Dies ist im Moment der Stand der Dinge, vor allem deshalb, weil die Medizinische Kommission des IOC noch keine rechtsverbindliche Testmethode anerkannt hat.

Darauf bezog sich gestern auch Gerd Zimmermann aus Inzell, Präsident der Deutschen Eislauf-Gemeinschaft und als ISU-Vizepräsident für den Schnelllaufbereich zuständig. Bei seinen Ausführungen wurde er von den wortlos neben ihm sitzenden Ard Schenk (Holland), mehrfacher Olympiasieger und in Berlin als Technischer ISU-Delegierter, und dessen Landsmann Jan Dijkemer, ISU-Vorstandsmitglied, flankiert. "Wir führen einen offensiven Kampf gegen das Doping", sagte Zimmermann. Dennoch geriet er im Disput mit den Journalisten in die Defensive. So versicherte er, erst einen Tag zuvor über die Medien von den Ergebnissen der Untersuchungen erfahren zu haben. Ein norwegischer Journalist wunderte sich, denn Gunderson soll bereits im Sommer davon berichtet haben.

Den indirekten Vorwurf, nicht energisch genug reagiert zu haben und den Antidopingkampf nicht überzeugend zu führen, wies der ranghöchste Eisschnelllauf-Funktionär zurück: "Wir machen seit zwei Jahren Bluttests auf freiwilliger Basis. Keiner der 180 Getesteten hat sich dem verweigert. Im Gegenteil, die Aktiven sind sehr kooperativ bei unseren Bemühungen für einen sauberen Sport."

Das Problem sei, dass die vorjährigen Tests nicht als Dopingkontrollen ausgewiesen waren, sondern helfen sollen, die Methode des Norwegers auf ihre Signifikanz zu prüfen und festzustellen, "wo liegen natürliche Höchstwerte, und wo beginnen jene, die auf Manipulation hindeuten". Zudem sei das Verfahren noch nicht als sicher akzeptiert worden. Er erwarte diesbezüglich verlässliche Hinweise, welche Verfahren juristisch unanfechtbar eingesetzt werden könnten. "Wir stehen am Anfang einer neuen Qualität der Nachweismethoden, vor allem bei den Bluttests." Die ISU werde schnellstmöglich Kontakt mit dem Norweger aufnehmen und dann weitere Schritte überlegen. Die Frage, ob er sich Epo-Missbrauch im Eisschnelllaufen denken könne oder das ausschließe, sagte Zimmermann ausweichend: "Im Hochleistungssport kann man sich alles und nichts vorstellen."

Die Reaktionen der Mannschaften waren gestern sehr zurückhaltend. Der norwegische Teamleiter, der seinen Namen nicht nennen wollte, meinte nur, Gunderson sei im ISU-Auftrag tätig gewesen. Also solle man sich an die ISU wenden. Der frühere Olympiasieger Peter Mueller (USA), Teamchef der holländischen Profimannschaft "Spaar select", meinte: "Gunderson soll Namen nennen, ansonsten sind es billige Spekulationen. Ich glaube nicht an den Epogebrauch auf dem Eis, weil man ja höchstens 15 Minuten und nicht fünf Stunden wie im Radsport unterwegs ist. Für Gianni Romme kann ich nur sagen, dass er gar nichts nimmt. Nicht mal Vitamintabletten."

Klaus Ebert aus Chemnitz, Trainer des WM-Dritten über 10 km, Frank Dittrich, und neuerdings von Rekordweltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann, gab sich betroffen: "Ich kenne den Arzt nicht und keine Ergebnisse, ich weiß nur, dass seit zwei Jahren Blutkontrollen gemacht werden. Von positiven Resultaten habe ich nie gehört." Adne Soendral (Norwegen), Olympiasieger über 1500 m, veröffentlicht auf seiner Homepage alle Ergebnisse seiner Urin- und Bluttests und fordert seine Kollegen und die ISU auf, ähnlich mit der Problematik umzugehen, um allen Spekulationen aus dem Weg zu gehen. Die werden aber auch im Eisschnelllaufen noch eine Weile anhalten.

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