Sport : Eiszeit in Hannover

Die Scorpions und ihr abenteuerlicher Existenzkampf.

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Hannover - Toni Krinner wollte sich dem Spießrutenlauf möglichst schnell entziehen. Mehrere Wochen lang hatten die Fans der Hannover Scorpions den umstrittenen Trainer angefeindet, mit Schmährufen bedacht und zum Rücktritt aufgefordert. Am Sonntag, nachdem zum Abschluss der Hauptrunde in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ein 5:0-Heimsieg gegen Wolfsburg gelungen war, nahm der Verein ihm die Entscheidung ab und gab eine vorzeitige Trennung bekannt. „Toni hat letztlich einfach nicht hierher und auch nicht zur Mannschaft gepasst. Er ist aber nicht an allem Schuld, was bei uns schiefgelaufen ist“, sagte Geschäftsführer Marco Stichnoth, der selbst vor einer ungewissen Zukunft beim Tabellenletzten der Liga steht.

Viel zu wenig Siege und Punkte, immer noch zu wenig Zuschauer – Hannovers Saisonbilanz fällt erschreckend aus. Der millionenschwere Bauunternehmer Günter Papenburg, dem die DEL-Lizenz der Scorpions gehört und der ihr wirtschaftliches Defizit seit Jahren ausgleicht, muss sich die Proteste der Fans am Ende doch zu Herzen genommen haben, als er die Demission von Krinner beschloss. Papenburg und Stichnoth, über Jahre sein engster Vertrauter, stehen damit vor einem Scherbenhaufen. Ihre Mannschaft hat nicht nur eine schlechte Saison gespielt, sondern auch gegen den eigenen Trainer rebelliert. Seit dem überraschenden Meistertitel 2010 blieb der Verein von einer ständigen Unruhe und elementaren Ängsten um seine Zukunft befallen, die auch der Klubchef selbst zu verantworten hatte. In der öffentlichen Wahrnehmung war es nicht mehr darum gegangen, wie gut die Scorpions spielen, sondern wie lange die Scorpions eigentlich noch spielen dürfen.

Ein skurriler Rettungsanker, den Papenburg zuletzt geworfen hat, steht für die pure Verzweiflung. Die ewige Debatte darüber, ob die Hannover Scorpions nicht endlich mit ihrem ungeliebten Lokalrivalen Hannover Indians fusionieren sollten, wurde zum völlig falschen Zeitpunkt platziert. Dabei geht es für die Scorpions im Moment erst einmal darum, wie sie ihren heimlichen Vater des Erfolgs trösten können. Geschäftsführer Stichnoth ist verschnupft – um es vorsichtig zu formulieren – und macht seine Zukunft in Hannover davon abhängig, ob er rehabilitiert wird. „Ich spreche ihm das Kaufmännische ab. Darüber können wir nicht mehr reden“, hatte Klubchef Papenburg zuletzt über Stichnoth gesagt. Ein Wirtschaftsprüfer wühlt sich gerade durch die Zahlen und soll ergründen, ob Stichnoth und wie die Scorpions zu retten sind. Christian Otto

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