Sport : Ekstase der Erschöpfung

10 056 Kilometer in 87 Tagen – da arbeiten die Beine manchmal von ganz allein, und im Kopf wird es still

von
Mitten im Nirgendwo. In drei Monaten durchquerten Valentin Manthei (rechts) und sein Reisegenosse Thomas Deutsch 15 Länder und drei Wüsten. Fotos: promo
Mitten im Nirgendwo. In drei Monaten durchquerten Valentin Manthei (rechts) und sein Reisegenosse Thomas Deutsch 15 Länder und...

Sport ist immer ein Abenteuer, insbesondere wenn man das Wagnis sucht. In unserer Serie stellen wir Athleten von nebenan vor, die nicht nach Titeln streben, sondern Grenzen austesten wollen. Heute Teil drei: Valentin Manthei, Radfahrer aus Hanau, der bis nach China in die Pedale tritt.

Im vergangenen Herbst hatte Valentin Manthei ein Blind Date. Zuvor hatten sie sich unzählige Emails geschrieben, ein paar Male telefoniert und dann endlich verabredet. Das Erkennungszeichen war ein rotes Fahrrad, Treffpunkt der Bahnhof in Köln. Von dort aus wollten beide in ein gemeinsames Wochenende aufbrechen, ein Härtetest, wenn man sich noch gar nicht kennt, aber Valentin Manthei wollte sichergehen, dass er wirklich den Richtigen gefunden hatte. Nicht für das ganze Leben, aber für 10 056 Kilometer.

So weit ist es von Deutschland nach China – eine Strecke, die Manthei, Softwareentwickler aus Hanau und 24 Jahre alt, schon seit Jahren mit dem Fahrrad bewältigen wollte. Die üblichen Reisepartner schieden aus, denn so eine Tour ist vor allem eine sportliche Unternehmung. In einem Fahrradforum im Internet fand Manthei dann Thomas Deutsch. Im April 2011 starteten die beiden ihre Reise, auf welcher der lange Weg das Ziel sein sollte. Vor vier Wochen ist Manthei zurückgekehrt. Seine Bilanz: 15 Länder, drei Wüsten, sieben platte Reifen und viele gestählte Muskeln.

Schon während des Probewochenendes habe er gemerkt, dass Thomas und er perfekt zusammenpassen würden, sagt Manthei . „Mit ihm musste ich keine Kompromisse machen.“ Bei einem Fahrradfahrer heißt das vor allem, dass er so schnell fahren kann, wie er möchte, und auf niemanden warten muss. Sonst hätte es unterwegs auch Schwierigkeiten gegeben: Zu Planungszwecken hatten die Männer die gesamte Kilometerzahl durch die Anzahl der Tage, die ihnen zur Verfügung standen, geteilt. Herausgekommen war 131, so viele Kilometer, beschlossen sie, müssten sie im Durchschnitt jeden Tag fahren, dementsprechend beantragten sie auch ihre Visa. Doch als sie auf ihren Rädern saßen, jeder mit 15 Kilo Gepäck hinten drauf, stellten sie bald fest, dass kein Kilometer dem anderen gleicht. Manchmal hatten sie schon mittags ihr Etappenziel erreicht, an einem Tag schafften sie sogar 202 Kilometer. An anderen ging es erschreckend langsam voran, zum Beispiel in Bulgarien, wo es noch zwei Tage, bevor sie ankamen, stark geschneit hatte und ihnen die Räder im Tauwasser wegrutschten, und das 55 Kilometer ohne Unterbrechung bergauf.

Genau diese Unwägbarkeiten haben Manthei gefallen. Von Anfang an hatte er das Gefühl, der Natur so unmittelbar wie sonst nie ausgesetzt zu sein. Noch in Deutschland ging ein Hagelsturm auf sie nieder, in Serbien gab es Regen, in der Türkei Gewitter, in Kirgistan Frost und in China fuhren sie bei 40 Grad durch die Wüste. Einmal mussten sie sich der Natur beugen. In Turkmenistan hatten sie eine Wüstenstrecke von 220 Kilometern zurückzulegen, mit einem Mal stand der Sand, durch den sie gerade noch gefahren waren, wie eine Wand vor ihnen. Als ein Lastwagenfahrer hielt und sie fragte, ob er sie zum nächsten Ort mitnehmen solle, sagten sie ja, weil so ein Sandsturm dauern kann. Ansonsten gebot es ihre Radfahrerehre solche Angebote abzulehnen, dabei kamen sie oft. Ihr Anblick habe Einheimische überrascht, sagt Manthei. „Sonst sehen sie Europäer meist im klimatisierten Reisebus sitzen.“

Möglicherweise waren die beiden Hobby-Sportler für viele Menschen, denen sie begegneten, eine Art pedalierende Sehenswürdigkeit. Immer wieder wurden sie zum Essen eingeladen oder bekamen Schlafplätze angeboten – in der Türkei übernachteten sie in einer Sporthalle, im Iran durften sie ihr Zelt im Hinterhof einer Moschee aufschlagen. Überhaupt erzählt Manthei aus dem Iran Geschichten, die man sonst nicht hört, berichtet nicht von Straßenkontrollen, sondern von Menschen, die zu ihrer Bewirtung extra ein Huhn schlachteten. Und dann spendet er das höchste Lob, was aus einem Radfahrermund kommen kann: „Die Straßen im Iran sind perfekt asphaltiert.“

Vor ein paar Jahren hat Manthei das Auto abgeschafft, seitdem fährt er die 20 Kilometer zur Arbeit und zurück mit dem Fahrrad. Speziell trainiert hat er nicht für die Reise, und damit war sie gleich eine dreifache Umstellung. Mit einem Mal waren da Berge und Straßen mit Schlaglöchern. Oder eher: Vor allem Schlaglöcher mit ein bisschen Straße drumherum, manchmal nur Schotter und Sand. Inzwischen kann Manthei auf jedem Untergrund fahren. Und er kennt die elementare Touren-Regel: „Iss, bevor der Hunger kommt, und trink, bevor du Durst bekommst.“

Am wichtigsten sei jedoch die mentale Umstellung gewesen, dass man Ehrgeiz nicht in Konkurrenz zu anderen entwickle, sondern im Kampf mit sich selbst. Die Tour war eine fortwährende Übung im stillen Selbstgespräch – und manchmal auch ein Rhetorik-Duell: Wer findet die besseren Argumente – die Erschöpfung, das schmerzende Knie? Oder der Teil in ihm, der weitermachen wollte, aber manchmal auch kleinlaut wurde. Zum Beispiel bei der Überquerung des Taldyk-Passes in Kirgistan, mit 3615 Metern der höchste der ganzen Reise. In solchen Momenten, sagt Manthei, helfe nur eins: Nicht an den ganzen Berg denken, nur an das nächste Plateau. In den schönsten Momenten musste Valentin Manthei sein Denken gar nicht mehr regulieren, musste auch seine Beine nicht mehr anweisen, in die Pedale zu treten, sie arbeiteten von alleine weiter, und im Kopf wurde es ganz still. Es stellte sich eine Art Kilometerfresser-Trance ein, eine Ekstase der Erschöpfung, und irgendwann schaute Manthei wieder auf sein Tacho und fragte sich, wo die ganze Strecke geblieben sei, die er am Morgen noch vor sich gehabt hatte.

Seitdem er in China ins Flugzeug stieg und die Strecke, für die er 87 Tage gebraucht hatte, in etwa 12 Stunden Stunden zurückflog, hat Manthei diesen Zustand nicht mehr erreicht. Seinen Tourenpartner Thomas Deutsch will er bald wiedersehen, auch wenn sie, während sie die 10 056 Kilometer nebeneinander her fuhren, vor lauter Anstrengung nicht viel miteinander sprachen. „Guck mal da“, gehörten da schon zu den längeren Sätzen.

Die nächste Tour will Valentin Manthei wieder zu zweit machen, dann aber auf dem Tandem mit seiner Freundin.

Bisher erschienen: Durch Meere schwimmen (15.8.), Über Kontinente laufen (18.8.).

0 Kommentare

Neuester Kommentar