Sport : Elegant, ohne Fett und frei im Kopf

Der deutsche Turner Philipp Boy ist bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam aus Fabian Hambüchens Schatten getreten

Holmen-Koller. Philipp Boy konnte sein Mehrkampf-Silber kaum fassen. Foto: dpa
Holmen-Koller. Philipp Boy konnte sein Mehrkampf-Silber kaum fassen. Foto: dpaFoto: dpa

Rotterdam - Noch vor seinem letzten Wettkampf der Titelkämpfe erhielt Philipp Boy die endgültige Bestätigung, zu den ganz Großen im Turnsport zu gehören. Bei den Weltmeisterschaften in Rotterdam wählten Journalisten den gebürtigen Schwedter zum elegantesten Turner des Turniers, was Boy 5000 Euro und eine teure Uhr einbrachte. Nach Bronze mit der Mannschaft und Silber im Mehrkampf-Einzel hatte der 23-Jährige am Sonntagabend nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch die Chance, am Reck eine dritte Medaille zu gewinnen. Doch auch so stand bereits fest: Deutschland hat neben Fabian Hambüchen einen zweiten Turner von Weltrang.

Boy ist sehr beweglich, er arbeitet diszipliniert und ist an sechs Geräten gleichermaßen stark. Mit seinen Leistungen in Rotterdam wirbelte Boy die Hackordnung im deutschen Team durcheinander. Bei seinen Mehrkampf-Übungen wurde der Cottbuser am Freitag von seinen Mannschaftskameraden angefeuert, allein Fabian Hambüchen bereitete sich in der Trainingshalle auf die Finals an Reck und Barren vor. Am Barren verpasste der 22-Jährige am Sonntag knapp eine Medaille und wurde hinter dem neuen Weltmeister Feng Zhe aus China, dessen Landsmann Teng Haibin und dem japanischen Mehrkampf-Weltmeister Kohei Uchimura Vierter. Am Reck wollte der Wetzlarer am Abend seinen WM-Titel unbedingt verteidigen.

Nach der WM will Hambüchen seine Fußprobleme so schnell wie möglich auskurieren und in Berlin bei der nächsten Mehrkampf-EM seinen neuen innerdeutschen Rivalen Philipp Boy herausfordern. Doch die beiden sind nicht allein: Matthias Fahrig sehnt nach verpatzten WM-Finals eine Wiedergutmachung herbei, der verletzte Marcel Nguyen teilte dem Team über das Internet-Netzwerk „Facebook“ seine besten Wünsche mit. Im April 2011 möchte auch der Hachinger bei der EM wieder die Nummer eins sein. „Ich finde es gut, dass jetzt die anderen an Fabians Thron rütteln. Es ist gut für ihn, dass er nicht mehr allein spitze ist“, ließ Nguyen verlauten. „Und die Mannschaft wird damit immer stärker.“ Nach seinem Wadenbeinbruch hat Nguyen inzwischen schon wieder mit leichtem Training beginnen können. Auch dem deutschen Trainer Andreas Hirsch kommt die gesunde Konkurrenz im Team sehr gelegen. „Natürlich könnten sich hier alle friedlich an den Händen fassen. Aber wenn dadurch keine Leistung kommt, hätten wir nichts gewonnen“, sagte der Berliner, der die deutschen Turner 2002 übernommen hatte.

Für Philipp Boy ging es am Sonntag zunächst darum, die Schmerzen aus den Gliedern zu bekommen. „Na klar, drei Sechskämpfe in sechs Tagen, das steckst Du nicht so leicht weg. Aber der Mehrkampf – das ist die Königsdisziplin“, sagte der Lausitzer. „Als ich oben auf dem Podest stand, war der Muskelkater schnell vergessen.“ So richtig kann Boy sein Glück aber noch nicht fassen. Immer wieder war er bereits ganz dicht an Hambüchen herangerückt – nur um dann daneben zu greifen, wenn es wichtig war. Inzwischen ist zu seiner Eleganz und hervorragenden Physis auch eine starke mentale Seite gekommen. „Ich bin viel freier im Kopf – auch ohne Psychologen. Den Rückhalt gibt mir meine Familie, meine Freundin und ihr Vater“, sagt er zum Schlüssel seines Erfolgs.

   Laut Trainer Hirsch ist ein anderer Faktor noch wichtiger. „Er hat sich mit eiserner Disziplin in eine Bombenform gebracht, er hat kein Gramm Fett.“  dpaWM ROTTERDAM]

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