Sport : Elegant zur Meisterschaft

Manchester United holt vorzeitig den Titel in England

Raphael Honigstein[London]

Alex Ferguson hatte, wie er später erzählte, erst aus Angst „das Herz im Mund“ und danach die Hosen voll. Nach der TV-Übertragung vom 1:1 des FC Chelsea beim FC Arsenal goss sich der 65-Jährige versehentlich vor laufenden Fernsehkameras eine halbe Flasche Champagner übers Hosenbein. Der Grund für die Aufregung war verständlich: Das von Ferguson trainierte Manchester United steht vorzeitig als Meister Englands fest. Uniteds sieben Punkte Vorsprung sind vom Verfolger FC Chelsea im Rest der Saison nicht mehr aufzuholen.

Für Ferguson war es schon der neunte Titelgewinn in 21 Spielzeiten. „Alle Meisterschaften waren schön“, sagte Ferguson, „aber wenn man bedenkt, wie der FC Chelsea die vergangenen beiden Jahre dominiert hat, dann ist das schon ein besonderer Titel.“ Der Trainer hatte es allen mal wieder gezeigt. Das von einer feindlichen Übernahme und einer Milliarde Euro Schulden gebeutelte Manchester United, mit seinem vom Rücktritt zurückgetretenen Trainer, hatte den Experten vor der Saison als Topfavorit gegolten – aber nur für Platz vier hinter Chelsea, Liverpool und Arsenal.

Im Sommer hatte Ferguson Ruud van Nistelrooy ziehen lassen und mit Mittelfeldspieler Michael Carrick (Tottenham Hotspur, 27 Mio. Euro) nur eine einzige Verstärkung eingekauft. Vorne hatten Paul Scholes (32) und Ryan Giggs (33) schon seit Jahren keine außerordentlichen Leistungen gebracht. Zudem musste man sich Sorgen um den portugiesischen Dribbelkünstler Cristiano Ronaldo machen, der nur widerwillig von der WM zurückgekehrt war und der Öffentlichkeit nach seiner Intervention vor Wayne Rooneys Platzverweis im Viertelfinale als Staatsfeind Nummer eins galt.

Während die Rivalen kräftig aufrüsteten, vertraute Ferguson seinem in der Breite etwas dünnen und in der Spitze nicht besonders spitzen Kader. Seine Red Devils gewannen die ersten vier Premier-League-Spiele in Folge und gaben die Spitze seit Oktober nicht mehr ab. Uniteds einfallsreicher, fließender Angriffsfußball machte mehr Freude als der brutale Gewaltmarsch Chelseas. 83 Tore erzielte ManU in 36 Spielen, die Tordifferenz beträgt plus 57. Chelsea versuchte, die Gegner mit kollektivem Kampf zu erdrücken; United setzte auf die individuelle Brillanz von Rooney und Ronaldo und hatte mit dem Serben Nemanja Vidic den unterschätztesten Innenverteidiger Europas als Faustpfand. Überraschend war trotzdem, wie entschieden Fergusons Mannschaft in der harten, rauen Premier League ihr feines Spiel durchdrücken konnte, ohne einen kompromisslosen Grätscher im defensiven Mittelfeld zu besitzen.

Ausgerechnet Ferguson United verzückte die Insel mit kontinentaler Spielkultur und schnellem, effizienten Direktspiel. Chelseas Trainer José Mourinho wollte sich am Sonntag erst gar nicht auf einen ästhetischen Vergleich mit dem Rivalen einlassen. „United die beste Mannschaft? Ich weiß es nicht“, sagte er, „aber sie haben die meisten Punkte und das reicht. Ich bin da pragmatisch.“ Der Portugiese beließ es danach mit einigen vagen Hinweisen auf angebliche Bevorzugung Uniteds durch die Schiedsrichter.

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