Sport : Eleganter Elefant

Gervinho ist der bisher brasilianischste Spieler der WM, nicht nur wegen seines Namens. Im zweiten Spiel der Gruppe G trifft er heute mit der Elfenbeinküste auf die brasilianischen Vorbilder

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Ein typisches Gervinho-Tor geht so: Körpertäuschung nach rechts, dann mit der Sohle den Ball am Verteidiger vorbeischieben, der Torwart stürzt ihm entgegen, aber Gervinho schießt noch nicht, sondern kickt den Ball mit der rechten Innenseite gegen die linke, läuft noch ein paar Meter und vollendet dann die Kür ins leere Tor.

Sieht alles ganz einfach aus, ist es auch, jedenfalls für einen, der die Bewegungen von Kind an verinnerlicht hat und gar nicht mehr darüber nachdenken muss, was er da gerade macht. Dinge, wie sie Gervinho macht, kann ein Fußballspieler nicht lernen, er kann sie oder er kann sie nicht. Am Dienstag hat er die Portugiesen mit seinem Antritt und seiner Ballbehandlung vor manches Rätsel gestellt. Er hätte beinahe sogar ein Tor geschossen, als er auf der linken Seite mit einer verwirrenden Abfolge von Haken an zwei Portugiesen vorbeihuschte und den Ball nur ganz knapp neben den rechten Pfosten setzte. So nah dran an einem Erfolgserlebnis war später nur noch der eingewechselte Didier Drogba. Zum besten Spieler des Abends wurde anschließend Cristiano Ronaldo gewählt, aber das war vor allem eine Verbeugung vor dessen Namen. Denn wer zum Teufel kennt schon Gervinho?

Brasilianischer als Gervinho hat bei dieser WM noch keiner gespielt, was ein bisschen überraschend ist – und das nicht nur, weil die Brasilianer bei ihrem ersten Spiel gegen Nordkorea höchst unbrasilianisch gespielt haben. Denn Gervinho, der 23 Jahre alte Ballkünstler mit dem schmalen Körper, den dünnen Beinen und den Rastalocken, er spielt gar nicht für die Seleção aus Rio, Sao Paulo und Porto Alegre. Sondern für die Mannschaft der Elfenbeinküste, sie trägt den Kampfnamen „Die Elefanten“, was eher auf einen Spielertypus wie den bulligen Kapitän und Weltstar Didier Drogba schließen lässt.

Am Sonntag treten die ivorischen Elefanten im Spitzenspiel der Vorrundengruppe G in Johannesburg gegen Brasilien an, und ihre Hoffnungen trägt nicht nur der nach seinem Ellenbogenbruch sensationell schnell wieder genesene Drogba. Sondern auch Gervinho, der tänzelnde Elefant, der so anders spielt als sein berühmter Kapitän, obwohl er doch immer genauso sein wollte. „Bei uns zu Hause ist Didier das große Vorbild für jeden, der Fußball spielt“, sagt Gervinho, „alle wollen Stürmer sein“, vermutlich wollen sie auch alle mit Drogbas Rückennummer 11 spielen. Für Gervinho hat es den angenehmen Nebeneffekt, dass es nicht mal arrogant daherkommt, wenn er als WM-Debütant gleich das prestigeträchtige Trikot mit der Nummer 10 beansprucht.

Das Spiel am Sonntag in Johannesburg ist das erste einer ivorischen Nationalmannschaft gegen Brasilien. Für Gervinho ist es der einstweilige Höhepunkt einer Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hat. Vor ein paar Wochen hat er seinen 23. Geburtstag gefeiert, das internationale Gerüchtekarussell hat ihn mit dem FC Arsenal in Verbindung gebracht und auch mit den Bayern aus München, realistischer ist wohl das Interesse von Birmingham City und dem FC Sunderland, im Raum steht eine Ablösesumme von rund zehn Millionen Euro.

Noch steht er beim OSC Lille unter Vertrag, einem französischen No-NameKlub, dessen Vorteil es in erster Linie ist, dass man dort Gervinhos Heimatsprache spricht. Der Mann mit den zauberhaften Füßen ist nämlich kein Brasilianer, der irgendwie über eine Cousine dritten Grades die Spielberechtigung für die Ivorer erworben hat. Das einzig brasilianische an Gervinho ist sein Name, und der ist nicht mal sein richtiger.

Gervinho heißt eigentlich Gervais Yao Kouassi. Den Künstlernamen hat er in Abidjan bekommen, bei der Ausbildung der Fußballakademie Guillou beim ASEC Mimosas. „Wir hatten einen brasilianischen Trainer, und er hat uns allen brasilianische Namen gegeben“, hat Gervinho mal erzählt. Wer in Guillou seinen Weg macht, steht automatisch auf der Liste der interessierten Klubs in Europa. Vor Gervinho empfahlen sich in Abidjan schon die Nationalspieler Salomon Kalou (FC Chelsea), Emmanuel Eboué (FC Arsenal), Kolo und Yaya Touré (Manchester City und FC Barcelona) und Didier Zokora (FC Sevilla).

Gervinho muss heute vielleicht noch ein wenig auf seinen großen Auftritt warten: Lars Lagerbäck, der Trainer der Ivorer, könnte in der Startaufstellung auf ihn verzichten. Im Zweifelsfall hat der Schwede wohl noch mehr Vertrauen in Drogbas Wucht als in Gervinhos Kunst.

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