Sport : Elf Kohlers sollt ihr sein

Der neue Leverkusener Sportdirektor wird fast allein verantwortlich gemacht für den 4:1-Sieg über Hertha – die Spieler finden das gar nicht gut

Erik Eggers

Leverkusen. Eigentlich hatte das Spiel allein schon Stoff genug für ein spannendes Buch geboten, dieses in vielerlei Hinsicht sensationelle 4:1 (3:0) von Bayer Leverkusen gegen Hertha BSC. Ein Abstiegskandidat war zu seinem bisher höchsten Saisonsieg gekommen gegen einen selbst ernannten Uefa- Cup-Aspiranten, und dabei hatten sich auf dem Rasen seltsame Dinge abgespielt. Leverkusens Stürmer Oliver Neuville etwa, der zuvor die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Mannschaft personifiziert hatte, bestritt seine Zweikämpfe von Anfang an mit Selbstbewusstsein und wurde dafür mit zwei Toren belohnt – so viele nur hatte er in der bisherigen Spielzeit erzielt. Auch Torwart Jörg Butt marschierte erinnerungsresistent zum vorentscheidenden Strafstoß. Er hatte total verdrängt, dass sein Kollege Bernd Schneider bei den letzten beiden Strafstößen für Leverkusen kläglich gescheitert war und dass er, Butt, mit seinem letzten, verschossenen, Strafstoß vor einem Jahr gegen Werder Bremen höchstpersönlich die Meisterschaft vergeben hatte. Als Sensation durfte ebenfalls gelten, dass jener Schneider, der bis dahin bei Freistößen überaus miserabel ausgesehen hatte, plötzlich genau mit einem solchen Freistoß den Ball an den Innenpfosten zirkelte und der Ball dann im Tor landete. Zudem lieferte der Berliner Nationalspieler Marko Rehmer vor dem 3:0 eine kabarettreife Einlage, als er beim Laufduell mit Neuville völlig unbedrängt über seine eigenen Füße stolperte. Genügend Stoff für Geschichten war also da. Eigentlich.

Vermutlich aber gab es einfach zu viele Skurrilitäten in der Bayarena. Ihre Zahl überforderte schlicht die Aufnahmefähigkeit vieler Beobachter. So drängte sich schnell die Frage in der Vordergrund: Welchen Anteil hatte der neue Leverkusener Sportdirektor Jürgen Kohler an diesem ungewöhnlichen Auftritt von Bayer? Wobei zumindest der Kölner „Express“ diese Frage nur mit Überirdischem beantworten konnte: „Kohler-Magie“ schrieb er am Sonntag.

Aber nicht nur in Boulevardzeitzungen wurde Kohler als eigentlicher Sieger dieses 4:1 geortet. Nahezu alle Beobachter führten das neue Leverkusener Selbstbewusstsein auf die Kurzzeit-Arbeit des früheren Dortmunder Abwehrspielers zurück. Und dass die Hertha-Profis Arne Friedrich und Alex Alves jeweils nur den Pfosten trafen, das wurde als gerechter Lohn für Kohlers Arbeit eingestuft. So ein Glück hatte sich Leverkusen einfach verdient.

Kohler jedenfalls kam kaum nach mit seinen Interviews, in denen er stets das Gleiche sagte. „Ich habe der Mannschaft wieder Freude am Spiel vermittelt, und das Team hat bewiesen, dass es Endspiele gewinnen kann.“ Die exakte Begründung aber behielt er für sich und sprach geheimniskrämerisch von „Interna“, die auf keinen Fall bekannt werden dürften.

Aber vielleicht ist da so viel gar nicht zu verbergen. Die Spieler jedenfalls wollen von einem neuen Gottvater Kohler nichts hören. Als ob ein Sportdirektor vier Tore geschossen hätte! Absurd! Für Nationalspieler Carsten Ramelow jedenfalls. „Man soll das Ganze nicht zu sehr hochspielen, schließlich hat die Mannschaft gewonnen.“ Und Oliver Neuville sagte spitz, „dass nicht nur der Jürgen uns motiviert hat, sondern der ganze Trainerstab“. Ist das zur Kenntnis genommen? Am deutlichsten aber wurde Jörg Butt. „Hier wurde ja fast so getan, als wären wir schon abgestiegen – dieses Denken hat er abgeschafft“, sagt der Keeper zwar. Aber es sei nun wirklich nicht nur Kohler allein, der neues Selbstbewusstsein erzeugt habe, auch der Trainer habe die Mannschaft hervorragend eingestellt. „Wir haben unter Thomas Hörster zehn Punkte gemacht“, bilanzierte Butt, „und es wäre ein bisschen unfair, wenn man das anders bewertete.“ Kohler sei nur ein Mosaikstein des Erfolgs gewesen.

Eigentlich war das ein wichtiger Hinweis. Ohne diese Anmerkung hätte wohl gar niemand mehr mitbekommen, dass Leverkusens Coach immer noch Thomas Hörster heißt. Und das wäre dann die totale Demontage eines Trainers gewesen.

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