Sport : Elf Meter sollen es sein

Der Sieg gegen Argentinien setzt eine Tradition fort: Die Deutschen sind große Könner, wenn es ans Elfmeterschießen geht

Stefan Hermanns

Berlin - Elfmeterschießen, so heißt es, ist Glückssache respektive reine Glückssache. Wenn das stimmt, dann muss das Glück respektive das reine Glück ein Deutscher sein. „Es ist schon Tradition, dass die Deutschen im Elfmeterschießen gewinnen“, hat Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Nationalmannschaft, nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien gesagt. Man könnte sogar von einer richtigen Liebesbeziehung zwischen den Deutschen und dem Elfmeterschießen sprechen – wobei: Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Der erste Verlierer eines Elfmeterschießens im Europacup kam aus Deutschland (Borussia Mönchengladbach 1970 gegen den FC Everton), und auch die Nationalmannschaft unterlag bei ihrer Premiere: 1976 im Finale der Europameisterschaft gegen die Tschechoslowakei (Stichwort: Hoeneß, Nachthimmel). Es war das einzige Mal, dass die Deutschen ein offizielles Elfmeterschießen verloren. Die zweite Niederlage war nicht von Belang. Sie unterlief ihnen 1988, bei einem Freundschaftsturnier in Berlin, gegen Schweden. Hier eine Übersicht über die wichtigsten (gewonnenen) Elfmeterschießen der Deutschen.

WM-Halbfinale 1982, Deutschland – Frankreich, 5:4 i. E.: Das erste Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft überhaupt hat eines der rührendsten Bilder der Fußball-Geschichte hervorgebracht: Der große Ulli Stielike weint in den Armen des kleinen Pierre Littbarski. Stielike hatte seinen Elfmeter verschossen, vergeblich schien die große Kraftanstrengung der deutschen Mannschaft gewesen zu sein, die in der Verlängerung einen 1:3-Rückstand aufgeholt hatte. Die Regie des Fernsehens war so bewegt von Stielikes Gefühlsausbruch, dass sie den folgenden Fehlschuss des Franzosen Didier Six verpasste. Toni Schumacher hielt, genauso wie später gegen Bossis. Den entscheidenden Elfmeter verwandelte Horst Hrubesch. Stielike ist bis heute der einzige Deutsche, der bei einer WM im Elfmeterschießen nicht getroffen hat.

WM-Viertelfinale 1986, Mexiko – Deutschland, 1:4 i. E.: Wenn die Beschreibung „sich ins Elfmeterschießen retten“ jemals eine Berechtigung hatte, dann in diesem Fall. 45 Minuten lang hatte die deutsche Mannschaft bei mexikanischer Sommerhitze in Unterzahl gegen den WM-Gastgeber spielen müssen, nachdem Thomas Berthold wegen einer Tätlichkeit die Rote Karte gesehen hatte. Mit Glück, Geschick und vor allem dank Toni Schumacher im Tor verteidigten sie das 0:0. Der Kölner Torhüter hielt wie schon 1982 gegen Frankreich zwei Elfmeter (gegen Fernando Quirarte und Raul Servin). Für die Deutschen verwandelten Klaus Allofs, Andreas Brehme, Lothar Matthäus und Pierre Littbarski.

Uefa-Cup-Finale 1988, Bayer Leverkusen – Espanyol Barcelona, 3:2 i. E.: „Nach diesem Spiel weiß jeder auf der Welt, wo Leverkusen liegt“, sagt Erich Ribbeck, der Trainer von Bayer 04. Zumindest weiß jeder auf der Welt nach diesem Spiel, dass man eine deutsche Mannschaft nicht zu früh abschreiben darf. 0:3 haben die Leverkusener das Hinspiel in Barcelona verloren; im Rückspiel gewinnen sie 3:0 und schaffen es mit diesem Ergebnis ins Elfmeterschießen. Ralf Falkenmeyer scheitert mit dem ersten Schuss an Espanyols Torhüter N’Kono, doch weil gleich drei Spanier verschießen, bleibt Falkenmeyers Fehlversuch ohne Folgen. Wolfgang Rolff, Herbert Waas und Klaus Täuber treffen zum 3:2- Sieg der Leverkusener.

WM-Halbfinale 1990, Deutschland – England 4:3 i. E.: Bodo Illgner ist nicht unbedingt als Elfmetertöter auffällig geworden, und eigentlich kann man ihm bei der größten Heldentat seiner Karriere auch keine Absicht unterstellen. Als der Kölner am 4. Juli 1990 in Turin um 22.41 Uhr den Schuss von Stuart Pearce abwehrt, ist das eher Zufall. Der Ball prallt Illgner ans Knie. Beim Stand von 4:3 für die Deutschen schießt Chris Waddle den Ball über die Latte. England ist ausgeschieden. Die Deutschen – Brehme, Matthäus, Riedle und Thon, hatten ihre Elfmeter zuvor traumhaft sicher verwandelt. „Die Deutschen haben ihr Elfmeterschießen speziell trainiert“, sagt Gary Lineker, der als erster Schütze bei den Engländern antrat – und traf. „England hat das nicht geübt, mit einer Ausnahme: ich selbst. Diesen Fehler haben wir damals gemacht, und wir haben ihn immer wieder gemacht.“

EM-Halbfinale 1996, England – Deutschland 5:6 i. E.: Gute Vorbereitung ist alles, aber manchmal hilft auch gute Vorbereitung nichts. Andreas Köpke, der deutsche Torhüter, hatte sich vor dem Halbfinale im Londoner Wembley-Stadion detailliert darüber informiert, wo die englischen Schützen im Spiel zuvor gegen Spanien ihre Elfmeter hingeschossen hatten. Es half ihm nichts. Sie wählten alle die andere Ecke. Nach zehn Schützen stand es 5:5. Der nächste Engländer, Gareth Southgate, hatte gegen Spanien nicht geschossen. Köpke musste spekulieren. Er spekulierte richtig und parierte den schwach geschossenen Ball. Andreas Möller verwandelte den sechsten deutschen Elfmeter und schoss seine Mannschaft ins Finale.

Uefa-Cup-Finale 1997, Inter Mailand – Schalke 04 1:4 i. E.: Jens Lehmann hat schon Erfahrung darin, der Held im Elfmeterschießen zu sein, und auch beim ersten Mal profitierte er von der guten Vorarbeit seines Trainers. So wie er am Freitag in Berlin einen Zettel von Torwarttrainer Andreas Köpke bekommen hat, so kamen die Tipps vor neun Jahren von Huub Stevens. „Er hat mir alles auf einen Zettel geschrieben. Und sie haben wirklich so geschossen, wie es vorausgesehen war. Bei Zamorano stand, dass er meist in die linke Torwart-Ecke schießt, wenn er einen langen Anlauf nimmt.“ So tat er es auch diesmal. Lehmann hielt. Nachdem Aron Winter am Tor vorbei geschossen hatte, traf Marc Wilmots zum Sieg für Schalke.

Champions-League-Finale 2001, Bayern München – FC Valencia 4:3 i . E.: Wieder Mailand, und wieder ist ein deutscher Torhüter der Held des Abends. Oliver Kahn wehrt gegen Valencia nicht nur drei Elfmeter ab, er besiegt auch sein persönliches Barcelona-Trauma. Zwei Jahre zuvor hatten die Münchner gegen Manchester United bereits wie der sichere Sieger des Wettbewerbs ausgesehen; in den letzten beiden Minuten kassierten sie dann noch zwei Tore und verloren 1:2. Trotz seiner persönlichen Genugtuung zeigt Kahn eine große Geste: Er tröstet Valencias weinenden Torhüter Canizares und erhält dafür den Fair-Play-Preis der Uefa.

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