EM 2012 : Deutschland I gegen Deutschland II

Die Auslosung der EM-Qualifikation fördert vor allem die Risse im Deutschen Fußball-Bund zu Tage.

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„Ich mache mir darüber keine Gedanken.“ Was nach der WM aus ihm wird, konnte und wollte Bundestrainer Joachim Löw bei der...PAP

Die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatte sich schon bei der Ankunft in Warschau geteilt. Hier die sportliche Leitung der Fußball-Nationalmannschaft um Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, dort DFB-Präsident Theo Zwanziger und sein Gefolge. Getrennt gelangte der deutsche Fußball am Wochenende zur Auslosung der Qualifikationsgruppen für die Europameisterschaft 2012, getrennt standen sie dann auch die europaweit übertragene Zeremonie am Sonntagmittag durch. Wie hätte es auch anders sein sollen nach den geplatzten Verhandlungen um den doch eigentlich von beiden Seiten angestrebten neuen Arbeitsvertrag für Joachim Löw über die WM hinaus und den hernach sichtbar gewordenen Riss durch den ganzen Verband?

„Es gibt jetzt nichts mehr zu reden und zu verhandeln“, brachte Joachim Löw die vertrackte Lage im Warschauer Kulturpalast auf den Punkt. Auf die Frage, was denn nun nach der WM sei, zuckten seine Augen heftig hin und her. „Das wird man sehen. Ich mache mir darüber jetzt keine Gedanken.“ Sieht so ein starker, motivierter Bundestrainer aus?

Hohn und Gelächter musste sich die gespaltene deutsche Delegation in Warschau anhören nach den Verhandlungen, die wegen überhöhter Forderungen von Bierhoff, Ultimaten von der Verbandsspitze um Zwanziger sowie Indiskretionen über mögliche Vertragsinhalte von bislang unbekannten DFB-Granden im Desaster endeten. „Wir haben es leichter“, spottete Michel Platini, der Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa, gegenüber Zwanziger bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee. „Wir haben kein nationales Team.“ Und man kann es durchaus auch als Demütigung empfinden, wenn der beim DFB schon lange aussortierte ehemalige Bundestrainer Berti Vogts – inzwischen betreut er die große Fußballnation Aserbaidschan – seinen deutschen Trainerkollegen den Rat gibt: „Man muss das jetzt alles verdrängen“.

Die Meinung von Berti Vogts wird man künftig noch öfter zu diesem Thema hören, schließlich ist seine Mannschaft den Deutschen als einer der Qualifikationsgegner zugelost worden. Hinzu gesellen sich in der sportlich leichtgewichtigen, aber sehr illustren Gruppe A die Mannschaften von Kasachstan mit dem deutschen Trainer Bernd Storck, Österreich, Belgien und die Türkei. Der türkische Verband ist übrigens gerade auf Trainersuche und soll schon länger an einem Engagement von Joachim Löw interessiert sein, aber das nur am Rande. Denn erst einmal steht ja sowieso die Weltmeisterschaft in Südafrika an – und einzig und allein darauf würde man sich jetzt konzentrieren, sagte Löw, sagte Zwanziger, sagte Bierhoff. In diesem Punkt immerhin waren sie sich im DFB-Tross noch einig.

Ansonsten hatten sowieso alle damit zu tun, genau auf die Zwischentöne zu hören, die die Beteiligten in Warschau von sich gaben. So lobte Löw seine Zusammenarbeit mit dem in den Verhandlungen unglücklich agierenden Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, allerdings sprach er von ihm vorrangig in der Vergangenheitsform: „Er hat hervorragende, exzellente Arbeit geleistet.“ Derweil ließ Zwanziger gegenüber Vertrauten immer wieder wissen, dass der DFB eine solche Situation schön öfter gehabt habe – etwa mit Jürgen Klinsmann, der ohne langfristigen Vertrag eine umjubelte WM 2006 gestemmt habe. (Danach allerdings war er sofort wieder weg.) Ebenfalls interessant war, dass Löw etwaigen neuen Verhandlungen nach der WM verbal vorbaute, indem er im Namen seiner Nationalmannschafts-Crew sagte: „Wir haben unsere Vorstellungen, die möchten wir umgesetzt sehen. Wenn wir sehen, dass wir in den nächsten zwei Jahren nicht vorankommen, macht das eigentlich wenig Sinn.“

Eigentlich war nur eines herauszuhören: Sämtliche Seiten wollen jetzt irgendwie die WM überstehen und sich so lange halbwegs mit Sticheleien zurückhalten. Diesen Kurzzeitpakt hatte ein Krisengespräch zwischen Zwanziger und Löw in Warschau ergeben. Aber Löws Ärger darüber, dass unnötig Diskussionsstoff in die Öffentlichkeit getragen worden sei, ging darin nicht unter. Von gegenseitigem Vertrauen, das über die WM hinaus hält, war jedenfalls nichts zu vernehmen. Oder um es mit dem bedröppelten Oliver Bierhoff zu sagen: „Wir müssen so weiterplanen, als ob wir weitermachen.“

Porträt Oliver Bierhoff: Meinungsseite

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