Sport : EM-Aus für Deutschland: Zwei Kandidaten und kein Bundestrainer

Michael Rosentritt

In Portugal schätzt man den Deutschen noch. Zumindest dessen Reiselust, vielleicht auch noch die Fußball-Bundesliga, bestimmt aber Lothar Matthäus, der im letzten EM-Vorrundenspiel sein 150. Länderspiel für Deutschland absolvierte. Für den Jubilar im biblischen Fußballeralter von 39 Jahren hatten sich die etwa zwölftausend Fans, die sich am Dienstag abend auf den Weg ins Rotterdamer Stadion "De Kuip" gemacht hatten, was ganz hübsches einfallen lassen. "Ohne Lothar habt ihr keine Chance", sangen sie nahezu ohne Akzent. Zunächst fühlte sich der Nimmermüde noch geschmeichelt, bis auch er schließlich dahinter kam. "Ohne Lothar" sollte heißen: Einer hat gar nicht mitgespielt ...

Das Unhöfliche an der Sache war, dass die portugiesische B-Mannschaft mit drei Toren vorn lag. Nicht nur, dass die Deutschen sich derart blamabel und ohne einen Sieg vom Turnier verabschiedeten, nein, sie stehen vor einer ganz anderen Schwierigkeit. Nach dieser Leistung wird sich für die Mannschaft so leicht kein guter Trainer finden lassen.

Der bisherige Teamchef Erich Ribbeck zog in den Morgenstunden die "Konsequenz aus dem katastrophalen Abschneiden, für das ich die Verantwortung übernehme". Ribbeck legte das Amt des Teamchefs nieder. "Ich mache den Weg frei, damit mein Nachfolger sofort anfangen kann." Auf der Suche nach Erklärungen sprach er selbstkritisch von "eigenen Defiziten". So habe er "zu spät erkannt", welche Stärken und Schwächen einzelne Spieler "vor allem im außersportlichen Bereich" hätten. Namen nennen wollte er nicht. Und auf die Frage, weshalb er im laufenden Turnier nicht wenigstens noch korrigierend eingegriffen habe, antwortete Ribbeck resigniert: "Vielleicht, weil ich den Moment verpasst habe."

Diesen Moment wiederum mochte der Delegationsleiter und DFB-Vizepräsident, Gerhard Mayer-Vorfelder, nun überhaupt nicht verpassen. Der angehende DFB-Präsident scheute weder Mühen noch Worte, dem scheidenden Teamchef Dank zu sagen, der sein Amt "unter nicht gerade günstigen Umständen" angetreten hatte. Da aber die Umstände derzeit noch trüber sind, sollte ein Nachfolger mit Bedacht gewählt werden. Denn so, wie es beim letzten Mal lief, als man gleich mehrere Bundestrainer präsentierte, soll es nach Möglichkeit nicht noch einmal laufen. Auch wenn im Augenblick einiges dafür spricht. Gerhard Mayer-Vorfelder setzt auf eine "zeitnahe" Entscheidung dieser Angelegenheit. Verhandlungen aber seien noch nicht geführt worden, sagt jedenfalls der zweite Mann im Verband und versucht glaubhaft zu machen, was doch schon lange keiner mehr glaubt.

Leverkusens Manager Calmund habe vor Tagen bereits seinen Vereinstrainer Christoph Daum ins Gespräch gebracht, "sicher ein interessanter Mann für uns", sagt Mayer-Vorfelder, aber noch "sind alle Möglichkeiten denkbar". Denkbarer scheint derweil, dass der Schwabe zu einer Übergangslösung tendiert, da Daum bei Bayer noch einen Vertrag bis 2001 besitzt. Mayer-Vorfelder bestreitet, dass es deswegen in der Verbandsspitze zu Machtkämpfen gekommen sei. Die Zuständigkeit in dieser Frage habe DFB-Präsident Braun "mir übergeben", sagte er, und "der Franz Beckenbauer hat die Aufgabe, die deutsche WM-Bewerbung für 2006 zu einem guten Ende zu bringen". Beckenbauer missfällt der Gedanke an einen Teilzeittrainer, auch schon deshalb, weil ein Bundestrainer Daum etwas gegen den einflussreichen Bayernblock im auserwählten Kreise haben könnte. Trotzdem plädiert er für Daum - allerdings als Vollzeittrainer. Da wollen aber die Leverkusener nicht mitspielen. "Daum ist bei uns unter Vertrag. Nach der verkorksten Meisterschaft wollen wir in der nächsten Saison wieder angreifen. Da können wir Daum jetzt nicht hergeben", sagt Bayers Sportdirektor Rudi Völler. Als Alternative ist noch der frühere Nationalspieler Jupp Heynckes im Angebot, doch der steht bei Benfica Lissabon unter Vertrag. "Die Nationalelf ist trotz ihres Tiefs für einen Trainer nach wie vor das große Ziel", sagt Heynckes. "Deswegen bin ich immer offen für dieses Thema und war es auch schon, als ich vor zwei Jahren das Angebot bekommen habe." Im Gespräch sind auch Giovanni Trapattoni und Otto Rehhagel.

Jetzt werden "Spekulationen noch wilder ins Kraut schießen", sagt Mayer-Vorfelder. Und der Gedanke daran scheint ihm zu gefallen. Er wolle "die Bandbreite nicht einengen", vielleicht auch um von der eigenen Konzeptionslosigkeit abzulenken. "Da werden ja Namen Dritter ins Spiel gebracht, die dann nur sagen, dass sie nicht zur Verfügung stehen", sagt Mayer-Vorfelder. Kommentieren möchte er das nicht. Braucht er vorerst auch nicht. Die Portugiesen werden noch ein Weilchen weiter feiern, und vor der deutschen Nationalmannschaft braucht nun wirklich niemand mehr Angst haben. Nicht mal mehr eine B-Mannschaft.

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