EM-Auslosung : Das irrsinnige Ritual

Von allen bizarren Fußball-Ritualen ist das der Auslosung vielleicht das bizarrste – mit den immer gleichen Zutaten. Vor der EM-Gruppenauslosung heute um 18 Uhr (bei uns im Live-Blog) ein Blick auf Glücksfeen und Lostöpfe, Todesgruppen und Verschwörungstheorien.

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1974 loste der Schöneberger Sängerknabe Detlef Lange die WM zusammen, auch Schiedsrichter Pierluigi Collina durfte schon Zettelchen in Kameras halten. Attraktive Frauen wie Heidi Klum dürfen nie fehlen. Vermutlich, damit die Funktionäre was zu gucken haben. Foto: picture-alliance/ dpa
1974 loste der Schöneberger Sängerknabe Detlef Lange die WM zusammen, auch Schiedsrichter Pierluigi Collina durfte schon...Foto: picture-alliance/ dpa

DAS REGLEMENT

Eigentlich könnte es heute auch in Kiew so einfach sein: 16 Mannschaften, vier Gruppen, los geht’s. Doch nichts ist einfach, wenn Schicksale ganzer Fußballnationen auf dem Spiel stehen. Und so müssen Millionen Fernsehzuschauer stets eine langatmige Erläuterung des Reglements erleiden. Bei der Auslosung der Vorrundengruppen der WM in Südafrika standen insgesamt zwölf Lostöpfe auf der Bühne, Moderatorin Charlize Theron heuchelte Interesse: „Wofür sind noch einmal diese Kugeln da? Ach ja, die Platzierung der jeweiligen Nation in der Gruppe! “ Nach handgestoppten neun Minuten und vierzehn Sekunden konnte es endlich losgehen. Traditionell stehen Menschen aus Fleisch und Blut an den Lostöpfen, die Ausnahme bildete die WM 1982: In Madrid wurden die Kugeln von automatischen Trommeln ausgespuckt, wie man sie von der Ziehung der Lottozahlen kennt. Das Ergebnis war ein Desaster: Belgien rutschte aus unerfindlichen Gründen in die falsche Gruppe, Schottland in der Folge auch, die Auslosung musste unterbrochen werden. Seitdem wird wieder per Hand gelost.

MÄNNER, DIE MITSCHREIBEN

Immer, immer, immer sitzen Männer im Publikum, die rätselhafterweise jede Entwicklung minutiös mitschreiben – dabei dürfte es kein Problem sein, ein ausgedrucktes Exemplar der Gruppeneinteilung zu bekommen.

DIE GLÜCKSFEE

Die Männerwelt des Fußballs hat ein Herz für Frauen – wenn sie schmückendes Beiwerk bleiben. Heidi Klum durfte 2006 im tief dekolletierten Kleid auf die Bühne, Charlize Theron tat es ihr 2010 gleich (wenn auch nicht ganz so tief ausgeschnitten). Schon 1990 durfte Sophia Loren die Kugeln an Joseph Blatter reichen. Zur Auslosung der Frauen-WM in Deutschland hatten die Organisatoren das Model Adriana Karembeu verpflichtet, deren einzige Beziehung zum Fußball darin besteht, mit dem französischen Ex-Nationalspieler Christian Karembeu verheiratet zu sein. Wenigstens halten sich die Männer mit schlüpfrigen Witzen meist zurück. Zumindest, solange die Mikrofone eingeschaltet sind.

DAS GLÜCKSKIND

Waren die großen Fußballverbände früher familienfreundlicher? Oder wurde die Vetternwirtschaft nur offener ausgelebt? Jedenfalls wurden in der Vergangenheit bei Auslosungen vorzugsweise minderjährige Verwandte von Funktionären eingesetzt. 1938 trat Yves Rimet, Enkel des damaligen Fifa-Präsidenten Jules Rimet, an die Lostöpfe. Später erinnerte er sich „an die kleinen Geschenke“ der Delegationen, „insbesondere an die italienische Streitaxt, die mir sehr gefiel und die ich nicht mehr hergeben wollte“. Die deutschen Organisatoren verpflichteten 1974 den Schöneberger Sängerknaben Detlef Lange, die WM 1978 ließ Fifa-Präsident João Havelange von seinem gerade einmal drei Jahre alten Enkel Ricardo auslosen. Monica Maria Cañedo war 1970 immerhin sieben Jahre älter, als sie für ihren Vater – den mexikanischen Verbandspräsidenten – die WM-Gruppen zusammenstellte. „Der kleinen Monica Maria mögen die Finger verdorren“, knurrte ein englischer Reporter, nachdem feststand, dass es England mit Brasilien, der Tschecheslowakei und Rumänien zu tun bekommen würde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Moderatoren immer französischen Akzent haben und sich um jede Kugel Verschwörungstheorien ranken.

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