EM der Freiwasser-Schwimmer : Wo geht’s hier zur Boje?

Europameisterschaft der Freiwasser-Schwimmer in Budapest: Nadine Reichert hat 8,5 Dioptrien – im Plattensee wurde ihr das zum Verhängnis.

von und Hans-Peter Sick[Budapest]
Probleme mit dem Durchblick. Nadine Reichert kraulte am Mittwoch 50 Meter in die falsche Richtung, weil sie wegen ihrer Sehschwäche die Boje nicht gesehen hatte.
Probleme mit dem Durchblick. Nadine Reichert kraulte am Mittwoch 50 Meter in die falsche Richtung, weil sie wegen ihrer...Foto: dpa

Vom Ufer aus gesehen ist die Wendeboje nicht größer als ein Stecknadelkopf auf dem Wasser des Plattensees. Die Freiwasser-Schwimmer bei der Europameisterschaft in Budapest müssen nach dem Start zu dieser Boje schwimmen, 500 Meter weit. Dann geht’s nach rechts, weiter führt die Strecke zwei Kilometer parallel zum Ufer, dann taucht die nächste Wendemarke auf. Wendemarken gehören für Freiwasser-Schwimmer zum Wettkampf wie die Trennleinen für die Beckenschwimmer. Das Problem auf dem Plattensee sind nicht die Bojen als solche, das Problem ist der Abstand zwischen ihnen. „Ist man im Wasser, sieht man die erste Boje nach dem Start kaum“, hatte schon Thomas Lurz (Würzburg) gestöhnt, nachdem er über zehn Kilometer Gold gewonnen hatte. Gestern erreichte er, noch erschöpft vom vorangegangenen Rennen, über fünf Kilometer Platz fünf.

Ein ganz besonderes Problem mit Wenden hat man bei 8,5 Dioptrien.

Nadine Reichert aus Mainz hätte über fünf Kilometer problemlos 15 Sekunden schneller sein können. Sie hätte sich bloß ihren Umweg sparen müssen. 50 Meter kraulte sie über die Fünf-Kilometer-Strecke in die falsche Richtung. Aber Nadine Reichert hat 8,5 Dioptrien, in den Wellen des Plattensees hatte sie schlicht die Orientierung verloren. Am Ende wurde sie Fünfte. Über zehn Kilometer hatte es Nadine Reichert gestern einfacher. Da gibt’s einen Massenstart, da muss sie bloß im Getümmel mitschwimmen. Aber auch ohne Umweg kam sie abgeschlagen ins Ziel. Bronze sicherte sich dafür Angela Maurer aus Mainz. Die 35 Jahre alte Olympia-Vierte lag 1,5 Sekunden hinter der Siegerin Linsy Heister (Niederlande).

Über fünf Kilometer starten die Athleten im Abstand von einer Minute einzeln. Und damit begann Reicherts Unglück. „Die Bojen sind hier leider sehr klein, und dann kamen noch Wellen hinzu“, sagt die 25-Jährige. Schon nach ein paar Metern hatte sie die Orientierung verloren, sie sah die Boje nicht und arbeitete sich in die falsche Richtung. Erst dann konnten Begleiter sie stoppen.

„Auch andere haben nicht die richtige Kurve gekriegt“, sagte Christian Reichert, ihr Ehemann. Der Gatte ist selber Langstrecken-Schwimmer, er belegte gestern über fünf Kilometer Platz sieben. „Ich musste kurz anhalten und mich neu orientieren.“ Aber niemand sonst kraulte gleich 50 Meter in die falsche Richtung.

Natürlich trägt Nadine Reichert Kontaktlinsen unter der Brille, aber die kompensieren ihre enorme Sehschwäche nur bedingt. Wie groß die ist, das kann ihr Heimtrainer Lothar Schubert von der SG Rhein-Hessen-Mainz gut einschätzen. „Ich habe nur 6,5 Dioptrien, aber meine Sehschärfe beträgt nur noch 60 Prozent.“ Dass seine Athletin ausgerechnet bei der EM so viele Probleme hat, ist Pech. Jedenfalls sagt das Schubert. „Normalerweise hat sie keine Probleme. Auch im Training nicht.“

Im Training absolviert Nadine Reichert mit Kontaktlinsen unter der Schwimmbrille in Belastungswochen 110 bis 120 Kilometer, in der Halle allerdings. Im vergangenen Jahr sprang die Deutsche Meisterin über 1500 Meter von 2008 ein paar Mal in Seen in der Nähe von Frankfurt, um sich an das kältere Wasser zu gewöhnen. Aber in diesem Jahr tauchte sie lieber in aller Herrgottsfrühe im Freibad auf. „Da ist das Wasser noch abgekühlt von der Nacht, da kann man Freiwasser-Bedingungen bei Wettkämpfen etwas simulieren“, sagt Schubert.

Aber jetzt hat Nadine Reichert die Nase voll. Sie will ihre Sehschwäche ein für alle mal korrigieren. In drei Wochen steht ein OP-Termin an, da wird mit modernster Lasertechnik gearbeitet.

Im Plattensee hätten ihr allerdings über fünf Kilometer auch Augen wie ein Adler nichts genützt. Eine Medaille hätte sie trotzdem nicht gewonnen. Ihr Abstand zur Drittplatzierten betrug 30 Sekunden.

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