EM der Minderheiten : Von der Kreisklasse in die Nationalelf

Auch in der Lausitz wird um den EM-Sieg gespielt - bei der Europameisterschaft der Minderheiten. Wie aus Kreisklasse-Kickern Nationalspieler für Sorben, Südtiroler oder Roma werden.

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Amateurfußball, hier in der Kreisliga in Nordrhein-Westfalen
Amateurfußball, hier in der Kreisliga in Nordrhein-WestfalenFoto: dpa

Dass er mal in einer richtigen Nationalmannschaft spielen würde, hat Willi Paschke keiner an der Wiege gesungen. Ein paar sorbische Lieder dürfte seine Großmutter aber hin und wieder angestimmt haben – schließlich gehört sie der slawischen Minderheit in der Niederlausitz an.

„Natürlich wird in unserer Familie zumeist Deutsch gesprochen“, sagt Willi Paschke. Er grinst: „Aber wenn Oma mal richtig sauer auf jemanden ist, dann murmelt sie manchmal vor sich hin: Stara Naopa – das heißt ,alter Affe‘.“

Willi Paschke ist 25 Jahre alt, wohnt in Döbbrick, einem Ortsteil von Cottbus, studiert an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und wurde vor drei Wochen in die Nationalmannschaft berufen. Von seinem „Bundestrainer“ Frank Rietschel, der noch dringend einen guten Mittelfeldspieler brauchte. Sonst wäre Paschke, der mit dem VfB Döbbrick gerade von der untersten in die zweitunterste Kreisklasse aufgestiegen ist, wohl nie zur EM-Teilnahme gekommen.

Zwar geht es hier „nur“ um die Europeada, die Fußballmeisterschaft der nationalen Minderheiten, die am Samstag in der Lausitz begann, aber die Konkurrenz ist dennoch hart. Titelverteidiger Südtirol beispielsweise hat richtig gute Spieler, dasselbe gilt für die ungarischen Roma. Und auch die deutsche Minderheit in Polen, gegen die Paschkes sorbische Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel am Sonntag antritt, wird ein harter Brocken.

Die Europeada findet erst zum zweiten Mal statt. 2008 war sie von den Rätoromanen im Kanton Graubünden in der Schweiz ausgetragen worden. Dieses Mal vergab die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) das Turnier an die Sorben in die Lausitz.

Genauer gesagt – in die Oberlausitz, wo zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda etwa 40 000 sächsische Sorben leben. Ihr bekanntester Vertreter, der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), hat folgerichtig die Schirmherrschaft über das einwöchige Turnier übernommen. Aber es gibt ja auch noch die etwa 20 000 Sorben in der brandenburgischen Niederlausitz – und die werden nun einzig und allein von Willi Paschke repräsentiert.

Der fühlt sich als Niedersorbe unter all den Obersorben, als Minderheit in der Minderheit also, aber richtig wohl. „Es ist ein tolles Team“, sagt er. „Ich halte sowieso nicht viel davon, in einer kleinen Minderheit noch einmal große Unterschiede zu machen.“

Willi Paschke hat, wie viele Kinder in den ehemals wendischen Dörfern, zwischen Senftenberg und Lübbenau schon ab der ersten Klasse Sorbisch gelernt und sein Abitur am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus abgelegt. Seine Abifeier fand am 30. Juni 2006 statt und fast keiner der Schüler oder Eltern hörte den Festrednern zu. Schließlich spielte Deutschland zur gleichen Zeit gegen Argentinien. Gewann nach Elfmeterschießen das Viertelfinale bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland.

Wegen des damaligen „Sommermärchens“ soll übrigens auch die Idee für das Fußballturnier der Minderheiten entstanden sein, bei dem Willi Paschke hoffentlich bis zum Endspiel am kommenden Sonntag spielt. „Nur die sorbische Hymne“, sagt er, „die muss ich noch lernen.“

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