EM der Springreiter : Pferd mit Kopfproblem

Warum die Stute Küchengirl drei Mal den Sprung verweigert – und ihr Reiter trotzdem gefeiert wird.

Katja Nicklaus[Mannheim]
Pferd
Gestoppt. Küchengirl verweigerte Marcus Ehning bei der EM den Dienst. -Foto: dpa

Die Rolle des Helden ist vergeben, lange bevor heute in Mannheim der neue Titelträger gekürt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der tragische Held der Europameisterschaft der Springreiter bereits abgereist: Marcus Ehning hat die schwersten Stunden seines Sportlerlebens durchlebt, nachdem die Komplettverweigerung seines Championatspferdes Küchengirl dreimal in Folge zur Disqualifikation des Paars geführt hatte. „Das ist mit Abstand das Schlimmste, was ich je erlebt habe”, sagte er mit leiser Stimme.

In Aachen, bei den Weltreiterspielen 2006, hatte das Drama begonnen: Unter Flutlicht bremste Küchengirl urplötzlich, rutschte in die Mauer, die die Form einer überdimensionalen Briefmarke hatte, und sprengte die bunten Teile in alle Richtungen. Marcus Ehning suchte die Schuld bei sich: „Ich hatte dieses junge Pferd verunsichert, weil ich schlecht geritten war.”

Die Zeit nach Aachen nutzte er, um der Stute wieder Vertrauen zu geben. Scheinbar erfolgreich: Über Monate bremste keine Mauer das Paar aus. Zuletzt glänzten beide im Juli am Schauplatz des ersten Schreckens mit souveränen Nullrunden im Nationenpreis. Für Mannheim rechnete Ehning fest mit Teamgold – bis zur Delphin-Kombination im Zeitspringen: Küchengirl setzte zum Sprung an und stoppte. Die zweite Verweigerung bedeutete das Aus im Einzel und das erste von drei Streichergebnissen für das Team. Auch beim Nationenpreis verweigerte Küchengirl den Sprung, dann ein drittes Mal bei der Teamentscheidung.

„Ich habe keine Erklärung dafür“, sagte ein geschockter Ehning. Nach den ersten zwei Ausfällen stand bei einem eigens anberaumten Sondertraining für Küchengirl das gesamte Team ratlos vor der Stute. Und Paul Schockemöhle rief medienwirksam zur Bestrafung des Pferdes auf: „Die blöde Kuh hätte er schon in Aachen zur Ordnung rufen müssen.”

Ehning ist ein feinfühliger Reiter, der von Küchengirl sagt: „Das ist ein Pferd, das man lieb haben muss.“ Der Reiter vermutet bei der Stute ein „reines Kopfproblem“. Auch Küchengirls Besitzer, Georg Nolte, will sich nicht entmutigen lassen. „Eine Firma, der es mal nicht gut geht, verkauft man auch nicht sofort”, meint der westfälische Küchenmöbel- und Schlafzimmerhersteller.

Am Ende sahen die Zuschauer einen Helden: den tränenüberströmten Ehning bei der Überreichung des Teamsilbers – getröstet von seiner Equipe, gefeiert von 9000 Zuschauern. Ein Profi, der mit versteinertem Gesicht Minuten nach dem Schock im Parcours den Medien tapfer Rede und Antwort steht. Ein Reiter, der sein Pferd nicht zum Gehorsam prügelt, sondern versucht zu verstehen. Das werden die Bilder sein, die von der EM in Erinnerung bleiben. Hier sind ein Weltklassereiter und sein Weltklassepferd an ihre Grenzen gestoßen.

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