EM-ENTSCHEIDER, Folge 2 : Jan Koller

Die EM wird sein letztes großes Turnier, und für Trainer Karel Brückner ist er eine entscheidende Figur: Der Tscheche Jan Koller wird immer noch unterschätzt.

Sven Goldmann

Hier stellen wir bis zum EM-Beginn täglich die entscheidenden Spieler der Mannschaften vor. Heute, Folge 2: Jan Koller, Tschechien.


Warum Jan Koller Dino genannt wird, muss man wohl nicht weiter erklären. Bei 2,02 Meter Körpergröße und Schuhgröße 50. Die „Gazetta dello Sport“ hat ihn mal weniger einfühlsam „das Monster“ genannt. Der Tscheche ist oft auf seine Physiognomie reduziert und deswegen unterschätzt worden. Denn Jan Koller kann sehr viel mehr, als im Strafraum stehen und seinen Kopf gegen Bälle wuchten, die so hoch fliegen, dass sonst keiner rankommt. Er ist schlau und bemerkenswert ballsicher. Wenn er den Ball erst einmal hat, kommt so leicht kein anderer mehr dran. Dabei sind seine Gedankengänge genauso schwer zu berechnen wie seine Körperbewegungen. Mal schießt Koller direkt aufs Tor, mal legt er für einen Mitspieler ab, mal spielt er den tödlichen Pass.

Vor ein paar Wochen ist Jan Koller 35 Jahre alt geworden. Die EM wird sein letztes großes Turnier, und für den tschechischen Trainer Karel Brückner ist er schon mal deswegen die entscheidende Figur, weil die anderen Kandidaten nicht zur Verfügung stehen. Tomas Rosicky hat beim FC Arsenal einen Qualitätssprung gemacht, fällt aber für die EM wegen einer Knieverletzung aus. Und Pavel Nedved, das Genie von Juventus Turin, hat sich weder von Brückner noch von seinen Mitspielern zu einem Comeback in der Nationalmannschaft überreden lassen.

Bleibt also Jan Koller. Seine Vielseitigkeit hat ihn zu einem der besten Strafraumstürmer Europas gemacht. Und so mancher Trainer erliegt der Versuchung, sein System ganz auf Koller abzustimmen. Alle Bälle lang nach vorn in die Mitte, der Dino wird’s schon richten. Matthias Sammer hat mit Koller vor ein paar Jahren die Schönheit des Dortmunder Spiels geopfert. Und gerade erst hat Thomas von Heesen in Nürnberg vergeblich versucht, allein mit Jan Koller den Abstieg zu verhindern. 14 Spiele hat Koller für den Club gemacht und dabei zwei Tore geschossen und sechs vorbereitet. Eine bessere Quote kann nur Zvjezdan Misimovic vorweisen, aber der hat das ganze Jahr in Nürnberg gespielt und nicht nur vier Monate.

Nürnberg steht für die Risiken des Systems Koller. Es ist relativ leicht auszurechnen und beschneidet den gestalterischen Einfluss seiner Nebenleute. Die Slowaken Marek Mintal und Robert Vittek etwa fanden im Nürnberger Offensivspiel gar nicht mehr statt. Und wehe, wenn es die gegnerische Abwehr schafft, Koller aus dem Spiel zu nehmen. So wie das die Deutschen vor gut einem Jahr beim EM-Qualifikationsspiel in Prag schafften. Christoph Metzelder und Per Mertesacker ließen den langen Tschechen im Strafraum kaum einmal an den Ball, nicht einmal bei hohen Flanken, auf die sich die Deutschen bestens vorbereitet hatten. Damit war die tschechische Offensive lahmgelegt, und Deutschland gewann 2:1, mit sehr viel weniger Mühe, als es das knappe Resultat auszusagen scheint.

Ganz dramatisch wird es, wenn Koller auf einmal ausfällt. So wie bei der WM vor zwei Jahren in Deutschland, als er beim 3:0 im ersten Spiel gegen die USA einen Muskelfaserriss im Oberschenkel erlitt. Die Tschechen schossen kein einziges Tor mehr und fuhren nach der Vorrunde nach Hause. Sven Goldmann

Die Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/em2008

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