EM-ENTSCHEIDER, Folge 4 : Nihat Kahveci

Ohne Nihat wäre die Türkei wohl kaum bei dieser Europameisterschaft dabei. Am wertvollsten ist er als zentraler Stürmer.

Mathias Klappenbach
Kahveci
Nihat Kahveci -Foto: AFP

Wenn Nihat Kahveci den Ball an den Pfosten hämmert, ist stets ein anderer schuld. Nach einem Kreuzbandriss ist ihm 2005 das Band eines Verstorbenen eingesetzt worden, und im Scherz macht der türkische Stürmer den Vorbesitzer verantwortlich, wenn er eine Chance auslässt. Doch ohne das neue Band würde Nihat wohl kaum noch Profifußball spielen, und ohne Nihat wäre die Türkei wohl kaum bei dieser Europameisterschaft dabei. Nur drei der zwölf EM-Qualifikationsspiele machte der 28-Jährige mit, in den letzten beiden und entscheidenden Spielen in Norwegen (2:1) und gegen Bosnien- Herzegowina (1:0) schoss er aber jeweils das Siegtor. Nationaltrainer Fatih Terim sagt, dass er vor diesen wichtigen Spielen "beruhigt" gewesen sei, als er erfahren habe, dass der angeschlagene Nihat dabei sein könne.

Es war nicht das erste Mal, dass Nihat zur Stelle war, als keiner so richtig mit ihm rechnete. Als 21-Jähriger wechselte er nach drei starken Jahren bei Besiktas Istanbul zu Real Sociedad San Sebastian in Spanien - und kam überhaupt nicht zurecht. Ein hoffnungsvolles Talent schien den Sprung nicht zu schaffen. In seiner zweiten Saison schoss er dann 23 Tore, San Sebastian wurde Vizemeister. Der nur 1,75 Meter große Nihat hatte sich mit seiner physischen Präsenz, seinen starken Dribblings und seinem harten Schuss durchgesetzt. Übrigens geht der nur sehr selten an den Pfosten, weil Nihat viele seiner Chancen nutzt. Und zwar so vehement, dass schon keine Zweifel mehr am Torerfolg bestehen, wenn der Ball noch unterwegs ist.

Als San Sebastian in der Tabelle nach unten sackte, wechselte Nihat 2006 zum FC Villarreal. Wieder riss das Kreuzband im linken Knie, und wieder gab es große Zweifel daran, ob er es schaffen würde. Spätestens nach dem zweiten Kreuzbandriss müssen viele Fußballer ihre Karriere beenden. Nihat kam wieder, schoss die Türken im vergangenen November zur EM und in der Meisterschaft 18 Tore für Villarreal, das hinter Real Madrid und deutlich vor dem FC Barcelona Zweiter wurde.

Am wertvollsten ist er als zentraler Stürmer, weil er auch dort gefährlich ist, wo man nur wenig Raum zur Verfügung hat. Doch auch mit Anlauf, über die offensiven Außenpositionen im Mittelfeld, ist Nihat einsetzbar. Auf dieser Position zeigt er auch unvermutete Stärken in der Defensive. "Er ist ungemein flexibel und unberechenbar. Er sucht die Lücke und zaubert Schüsse aus dem Fußgelenk", sagt Coach Terim. Zudem ist Nihat einer der Spieler, die Konter konzentriert und effektiv zu Ende spielen, auch wenn ihm selbst die vorletzte Aktion zufällt.

Auch im taktisch komplex durchorganisierten Fußball gibt es oft einen in der Mannschaft, vor dem der Trainer des Gegners besonderen Respekt hat und seinen Spielern sagt, auf den sollen sie ganz besonders aufpassen. Bei der Türkei ist dies Nihat. Und dieses Mal rechnen alle mit ihm.

Die Serie im Internet:
www.tagesspiegel.de/em2008

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