EM-ENTSCHEIDER Gruppe B: Kroatien : Luka Modric

Hier stellen wir bis zum EM-Beginn täglich die entscheidenden Spieler der Mannschaften vor. Folge 6: Luka Modric, Kroatien.

Mathias Klappenbach

Nichts ist einfacher für einen Verteidiger, als einen Pass abzulaufen, bei dem er vorher weiß, wo er hinkommen soll. In einigen Spielen des Uefa-Cups war in dieser Saison etwas deshalb ganz Erstaunliches zu beobachten: Dinamo Zagrebs Luka Modric gestikulierte im Mittelfeld, um seinen Mitspielern zu bedeuten, wo sie jetzt am besten hinlaufen sollten. Die Mitspieler hörten auf Modric und setzten sich in Bewegung, natürlich ebenso die Gegenspieler. Der nur 65 Kilogramm schwere und 1,72 Meter große Modric trat den Ball, den er gleichzeitig in Bedrängnis souverän kontrolliert hatte – und der Pass kam beim anvisierten Mitspieler an. Zentimetergenau, da konnte der Verteidiger machen, was er wollte.

So etwas gab seit den Zeiten Michel Platinis nicht mehr zu sehen. Modric ist wie früher Platini ein echter „Zehner“, ein Spielmacher im zentralen Mittelfeld, der es vermag, das Geschehen auf dem Feld spürbar in seinem Sinne zu lenken. Spieler mit solchen Fähigkeiten sind sehr selten, und es drängt sie natürlich zu Mannschaften, in denen die Kollegen immer von selbst wissen, wo sie jetzt genialerweise hinlaufen sollten. So verwundert es fast ein bisschen, dass Modric zu Tottenham Hotspur nach England wechselt – für nur 25 Millionen Euro. Dort kann er seine Pässe zwar zu Topstürmern wie Dimitar Berbatow spielen, Modrics Ziel Champions League dürfte in Tottenham aber nur schwer zu realisieren sein. Jedes Jahr wird dort viel investiert, um die „großen vier“ Manchester United, FC Chelsea, FC Arsenal und FC Liverpool anzugreifen. Regelmäßig scheitert Tottenham, in diesem Jahr gab es den elften Platz. Dank des Siegs im Ligapokal sind die Spurs trotzdem im Uefa-Cup dabei. Seit einigen Jahren schon steht der 23-jährige Modric auf den Merkzetteln von Topklubs wie dem FC Arsenal, auch der FC Bayern und Werder Bremen waren interessiert. Nachdem er im letzten EM-Qualifikationsspiel Kroatien zum 3:2 in England führte, durch das die Briten die EM verpassten, wollte ihn dann die halbe Premier League verpflichten.

Dinamo hatte zwei Jahre lang gezögert, Modric abzugeben, natürlich auch, um den Preis zu erhöhen. Erhofft wurde das ganz große Angebot von Roman Abramowitschs FC Chelsea. So lange überragte Modric in Zagreb, mit rechts und mit dem gleichstarken linken Fuß, mit seinen sensationellen Pässen, mit seiner Schussstärke. Modrics neuer Trainer Juande Ramos ist sich sicher, den besten Nachwuchsspieler der Welt verpflichtet zu haben, und wenn Experten den Star der EM vorhersagen sollen, fällt Modrics Name fast ebenso oft wie der von Cristiano Ronaldo. Und in Tottenham gehen sie fest davon aus, dass ihre Investition schon im Juni ihren Marktwert erheblich steigern wird. Mathias Klappenbach

Die Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/em2008

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben