Sport : EM-Finale: Frankreich tanzt

Oliver Junker

Als um 22.10 Uhr das Siegtor fällt, startet auf den bis dahin menschenleeren Straßen von Paris eine Riesenparty. Zu Tausenden strömen die Fans an diesem Sonntagabend von allen Seiten auf die Champs-Elysées, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und überall schallt es in Sprechchören: "On a gagné" - "Wir haben gewonnen". Der Titel der Fußball-EM 2000 geht an Frankreich. Und nachdem die "Equipe tricolore" bereits vor zwei Jahren im eigenen Land die Weltmeisterschaft errang, sind nun alle restlos überzeugt: Diese Mannschaft hat ein Fußballwunder vollbracht. Allein auf den Champs-Elysées, der "schönsten Avenue der Welt", wie sie von den Parisern genannt wird, lassen bis tief in die Nacht 400 000 ausgelassene Fans die Korken knallen. Aber auch in allen anderen Städten des Landes werden die Fußballhelden von Rotterdam bejubelt - Frankreich im nationalen Freudentaumel.

"Das erinnert mich an die Weltmeisterschaft, das ist genial hier, wir werden jetzt alle zwei Jahre wieder kommen", sagt die 27-jährige Nadia. So viele wie vor zwei Jahren, als allein auf den Champs-Elysées 1,5 Millionen Menschen feierten, sind es in der Nacht des EM-Gewinns nicht. Aber das spielt für die Stimmung keine Rolle; die Fans zünden rote Leuchtkugeln, schwenken die blau-weiß-roten Fahnen, tanzen und liegen sich glückselig in den Armen. Derweil machen die Organisatoren wie auch schon vor zwei Jahren ihre Lasershow: Blaue Strahlen streifen über das Getümmel und projezieren Schlachtenbummler-Parolen auf den Triumphbogen. An den Mauern blitzt "trs-trs-Trezeguet" und "roi David" ("König David) auf - zu Ehren von David Trezeguet, dem Schützen des "Golden Goal" in der Verlängerung.

Auch nach dem Ende des Spiels können viele kaum fassen, dass in der allerletzten Sekunde der regulären Spielzeit der Ausgleich gelang. "Das ist unglaublich. Sie sind übermenschlich", sagt der 24-jährige Fabien, der das Trikot des Spielmachers Zinedine Zidane anhat. Viele Fans haben die blauen Trikots ihrer Helden an, die Farben der Trikolore im Gesicht oder auch in den Haaren. Andere trampeln singend auf den Dächern der Zeitungskioske herum - "On a gagné, On a gagné."

Das Wunder von Rotterdam erklärt der 40-jährige Kevin so: "An diesem Abend war Gott ein Franzose." Sein Kumpel Kodjo ist mit den Nerven dennoch am Ende: "Solche Spiele könnte ich nicht ein zweites Mal ertragen. Ich habe geschrien und wirklich Angst um mein Herz gehabt." Deutlich nervenstärker in all dem Trubel zeigt sich eine 50-Jährige Frau aus Berlin, die ihre 75-jährige Mutter im Schlepptau hat. "Wir waren erst am Montparnasse. Allein da war es schon toll. Aber dann haben wird die Metro genommen, um auf den Champs-Elysées mit zu feiern", sagt sie lachend und nimmt einen kräftigen Schluck aus einem Likörglas.

Der Freudentaumel erfasste auch die Politiker. "Ich bin stolz auf Frankreich und stolz auf die Franzosen", sagte Staatspräsident Jacques Chirac, der ebenso wie Premierminister Lionel Jospin dem Finalspiel in Rotterdam zugeschaut hatte. "Das französische Team hat sich seine Genialität bewahrt." Der Chef der Zentralbank, Jean-Claude Trichet, erwartete von dem Erfolg gar positive Auswirkungen auf die Konjunktur. Und Außenminister Hubert Vedrine begrüßte den - italienischen - EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi am Montag mit einem breiten Grinsen und den Worten: "Tut mir leid wegen gestern...."

Gegen ein Uhr nachts wird es dort dann ungemütlich - es kommt zu Krawallen aufgeputscher Fans. Sie demolieren Autos und schlagen Ladenfenster ein. Dann bewerfen sie die Polizisten mit Flaschen und bekommen dafür eine Ladung Tränengas ab. Die Polizei spricht von 400 als gefährlich einzustufenden Jugendlichen und nimmt 31 fest; 16 Beamte werden nach einer vorläufigen Bilanz verletzt. Danach wird es langsam ruhig auf dem Prachtboulevard. Auch in anderen Städten wurde der Europameisterschaftssieg Frankreichs ausgiebig gefeiert. In Marseille schwappte die Begeisterung ebenfalls in gewalttätige Aktionen um: Am alten Hafen der südfranzösischen Stadt habe die Polizei eingreifen müssen, nachdem dort Polizeibeamte und Fernsehteams angegriffen wurden.

In Rom wurde bei Ausschreitungen nach der Niederlage der italienischen Nationalmannschaft ein französischer Fußballfan verletzt. Wie der staatliche italienische Rundfunksender RAI berichtete, kam es an der Piazza Navona in Rom nach dem 2:1-Sieg der Franzosen zu einem Zusammenstoß zwischen italienischen und französischen Fans. Dabei habe ein Franzose Verletzungen im Gesicht erlitten. In der Innenstadt von Mailand warfen mehrere aufgebrachte Fans mit Flaschen; die Polizei löste die Menge auf. Die meisten italienischen Fußballbegeisterten trauerten jedoch friedlich um den verpassten Sieg.

Die niederländische Polizei hat im Zusammenhang mit dem Endspiel in Rotterdam insgesamt 90 Menschen festgenommen. Wie ein Sprecher am Montag mitteilte, war in der Stadt die Stimmung unter den Fußballfans dennoch insgesamt entspannt und friedlich.

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