EM-Geschichten (1) : 1960-64: Das Rückzugsgefecht des Generalisimo Franco

Die ersten EM-Turniere hießen noch „Europäischer Nationen-Cup“ und standen im Zeichen der Politik.

von
Das politische Finale. Spaniens Staatschef Francisco Franco grüßt das Publikum im Bernabeu-Stadion.
Das politische Finale. Spaniens Staatschef Francisco Franco grüßt das Publikum im Bernabeu-Stadion.Foto: picture-alliance/ dpa

Am 8. Juni eröffnen Polen und Griechenland in Warschau die Fußball-Europameisterschaft. Bis dahin blicken wir auf Besonderheiten vergangener Turniere zurück.

Früher war die Wahrheit noch auf dem Platz und die Politik außen vor. So ist in den vergangenen Wochen oft argumentiert worden, als es um einen möglichen Boykott der Fußball-Europameisterschaft wegen der politischen Lage in der Ukraine ging. Der Sport müsse seine traditionelle Autonomie verteidigen und dürfe sich auf keinen Fall von der Politik instrumentalisieren lassen.

Dieses Mantra vom unpolitischen Sport ist so alt wie unzutreffend. Das war 1936 bei den Nazispielen von Berlin nicht anders als bei der ersten Fußball-Europameisterschaft. Die Politik hätte das junge Turnier beinahe ruiniert, noch bevor 1960 in Frankreich die erste Finalrunde mit damals vier Mannschaften gespielt wurde. Eine richtige Europameisterschaft gab es bei dieser Premiere noch gar nicht. Große Fußball-Nationen wie England, Italien und Deutschland verweigerten sich, der deutsche Bundestrainer Sepp Herberger übrigens mit dem schönen Argument, das neue Turnier sei „Zeitverschwendung, reine Zeitverschwendung“.

Weil das allgemeine Interesse sehr übersichtlich war, dehnte der europäische Dachverband Uefa die Anmeldefrist noch ein paar Monate aus, bis sich endlich 17 willige Nationen gefunden hatten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sprach abfällig von einer „europäischen Rumpfmeisterschaft“, sie hieß auch nicht „Europameisterschaft“, sondern „Europäischer Nationen-Cup“. Und mit dem wäre es beinahe schon im Viertelfinale vorbei gewesen, als das Los die Sowjetunion und Spanien zusammenführte. Francisco Franco soll darauf einen Wutanfall erlitten haben. Spaniens faschistischer Diktator hatte den Sowjets nicht vergessen, dass sie ein Vierteljahrhundert zuvor im Bürgerkrieg die unterlegenen Republikaner unterstützt hatten. Außerdem fürchtete Franco ein Wiedererstarken der linken Kräfte.

Die spanischen Spieler saßen schon auf dem Madrider Flughafen und warteten auf den Abflug zum Spiel nach Moskau, da marschierte ein Trupp Soldaten auf und befahl den Rückzug. Der große Alfredo di Stefano, geboren in Argentinien, aber längst mit einem spanischen Pass ausgestattet, soll heftig mit den Soldaten diskutiert haben. Für ihn, damals schon 33 Jahre alt, war es die letzte Chance auf einen großen Titel als Nationalspieler.

Francos Rückzugsgefecht fand auch in Deutschland Beachtung. Die Ost-Berliner „Fußball-Woche“ kommentierte: „Diese Sabotage der Olympischen Idee durch das faschistische Spanien wird den Fußballsportlern in aller Welt mit aller Offenheit zeigen, wo die ewigen Feinde der friedlichen Entwicklung stecken.“ Und: „Dass sie sich zu solch ausgesprochen dummen Entschlüssen gegen den Willen der Völker entschließen, wird sie eines Tages restlos vereinsamen vor der Sportwelt, wird sie zu Eremiten machen, die abseits stehen, weil sie weder die Regeln des Spiels und der Fairness noch der Vernunft kennen.“

Den Sowjets bescherte der spanische Verzicht den kampflosen Einzug in die Endrunde nach Frankreich und damit die heute schwer vorstellbare Möglichkeit, mit gerade vier Spielen inklusive Qualifikation Europameister zu werden. Das Zuschauerinteresse bei der Finalrunde war bescheiden, was auch daran lag, dass drei von vier Mannschaften aus dem Ostblock kamen und die Franzosen schon im Halbfinale an Jugoslawien scheiterten. Zum Spiel um Platz drei gegen die CSSR kamen nicht mal 10 000 Zuschauer, das 2:1 der UdSSR im Endspiel gegen Jugoslawien wollten gerade 18 000 sehen.

Europas Fußball schien knapp vor einer Ost-West-Spaltung zu stehen. Die Uefa entledigte sich dieses Dilemmas mit einer Verbeugung vor den spanischen Boykotteuren. Sie mussten nur eine lächerliche Geldstrafe in Höhe von 2000 Franken zahlen und wurden dazu mit der Ausrichtung des Endrundenturniers von 1964 beauftragt. Wieder war es nur ein Europäischer Nationen-Cup, wieder ohne Qualifikationsgruppen und wieder ohne die immer noch vom greisen Herberger trainierten Deutschen. Im Endspiel von Madrid kam es mit vierjähriger Verspätung doch noch zum Duell der ideologischen Feinde. Auch der Generalisimo Francisco saß auf der Ehrentribüne, und gemäß den Bestimmungen der Uefa wehte auch die sowjetische Fahne im Estadio Santiago Bernabeu. Spanien siegte 2:1 nach Verlängerung, gefeiert von geschätzt 130 0000 Zuschauern. Es war der Durchbruch für das junge Turnier, das vier Jahre Später offiziell den Status Europameisterschaft erhielt.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben