EM-Geschichten (3) : 1972: Langhaarige Antikommunisten

Mit Matte und Mao-Bibel: Die Europameisterelf von 1972 gilt politisch als progressiv. Das ist ein Mythos.

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Franz Beckenbauer. Langhaarig, aber trotzdem konservativ.
Franz Beckenbauer. Langhaarig, aber trotzdem konservativ.Foto: AFP

Am 8. Juni eröffnen Polen und Griechenland in Warschau die Fußball-Europameisterschaft. Bis dahin blicken wir auf Besonderheiten vergangener Turniere zurück.

Für die Nachgeborenen, die heute 20- bis 40-Jährigen, ist es nicht leicht zu verstehen: dass die Väter, nach ihren fußballerischen Urerlebnissen gefragt, einen derart weiten Bogen um die Weltmeisterschaft von 1974 machen. Fast schon peinlich berührt scheint die 68er-Generation vom deutschen Kampfsieg gegen die Schönheit von Cruyff und Co im Finale von München. Stattdessen wird der Kader der Europameisterschaft von Belgien 1972 zur „Mannschaft des Jahrhunderts“ erklärt.

Aus heutiger Sicht ist das mehr als verwunderlich: EM-Turniere hatten damals zum einen einen viel geringeren Stellenwert als heute, als Weltmeisterschaften sowieso. Zur Erinnerung: Deutschland hatte vier Jahre zuvor überhaupt erstmalig an einer EM-Qualifikation teilgenommen, scheiterte damals an Albanien („Schmach von Tirana“). Zum anderen taugt eine allein mit vier Teams bestückte Endrunde, in der die Bundesrepublik genau zweimal spielte, kaum, eine Jahrhundertelf auszuweisen. Zum dritten war diese Mannschaft auch noch personell fast identisch mit dem WM-Kader zwei Jahre später. Gut, Michael Bella, Sigfried Held, Horst Köppel und Hannes Löhr waren beim Heimturnier nicht dabei, Erwin Kremers wurde nach einer Sperre von Zwillingsbruder Helmut ersetzt. Bei allem Respekt vor den Genannten: Mit ihnen konnte die Magie unmöglich abhanden gekommen sein.

Es muss also etwas anderes sein – etwas, das sich bei etwas näherer Betrachtung durchaus finden lässt. Da ist natürlich der perfekte Turnierverlauf: Zwei Spiele, zwei Siege, einer überzeugender als der andere. Und ja, das finale 3:0 gegen die Sowjetunion zeigte in der Tat – man kann sich das heute bei Youtube anschauen – eine Mannschaft auf ihrem Zenit: eine, die den Ball mit traumwandlerischer Sicherheit durch die eigenen Reihen wandern ließ und dabei jederzeit offensive Gefahr ausstrahlte. Spielmacher Günter Netzer agierte inspiriert wie selten zuvor und danach, anstatt – wie bei der Weltmeisterschaft zwei Jahre später – die meiste Zeit auf der Bank zu verbringen.

Das ist aber nur die eine Geschichte. Die andere hat etwas mit der kollektiven Verfasstheit der Republik zu tun – mit der „Willy wählen“-Kampagne der SPD um Willy Brandt aus dem Bundestagswahlkampf 1972, dem sozialdemokratischen Aufbruch allgemein, natürlich auch der neuen Ostpolitik, namentlich dem Grundlagenvertrag mit der DDR, der am 13. Juni 1972, einen Tag vor EM-Turnierbeginn, ratifiziert wurde und am 21. Juni, drei Tage nach dem Finale, in Kraft trat. 1972 erscheint aus heutiger Sicht als ein Schicksalsjahr der Bundesrepublik. Im Fußball stand eine Mannschaft auf dem Platz, die perfekt dazu passte – und auch darum Kultstatus erlangte: mit langem Haar und feinem Fuß.

Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, ist die: War die Mannschaft, die ihn fußballerisch repräsentierte, auch sonst Teil des Wandels in der Bundesrepublik? Die, die damals jung, links und trotzdem Fußballfans waren, haben die Belege dafür natürlich sofort parat: Breitners berühmtes Bild mit der Mao-Bibel, Netzers Diskothek „Lovers Lane“ – es sind die zwei immergleichen Ikonen, die die Verknüpfung der Fußballer mit dem gesellschaftlichen Wandel in Polit- und Popkultur belegen sollen.

Bei genauerem Hinsehen bleibt es freilich dabei – ansonsten zeigte sich die Mannschaft von 1972 schwarz wie die dunkelste Nacht: Eine Ausgabe des „Spiegel“ aus dem Oktober des Jahres berichtet von Gerd Müllers Wahlkampfhilfe für die CSU sowie vertraulich-vertrauten Treffen von Fußballern und Unionspolitikern, darunter auch ein Besuch des „Fußball-Feldherrn“ (O-Ton „Spiegel“) Günter Netzer beim CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel nach dem Endspiel von Brüssel. Auch sonst künden die zeitgenössischen Quellen von einer eher reaktionären Fußballergeneration: Franz Beckenbauer, der die „vom System infizierten Menschen“ (Uli Hoeneß) aus der DDR und ihre Nationalspieler in den 1970ern vor Mikrofonen gelegentlich „die Kommunisten“ nannte, wird verschiedentlich auch mit der folgenden Warnung zitiert: „Unter Kanzler Willy Brandt drohen in der Bundesrepublik Verhältnisse, wie sie in der DDR schon herrschen.“ Identifikation mit Brandts Ostpolitik ist das nicht – das politisch Progressive der Mannschaft schrumpft bei genauerem Hinsehen zur Randnotiz. Über Paul Breitner heißt es in besagter „Spiegel“-Geschichte, er wolle mit seiner Unterstützung der SPD den allgemeinen „Rechtsdrall“ seiner Nationalmannschaftskollegen ausgleichen.

Was hat es also auf sich mit dem Mythos der auch politisch progressiven „Jahrhundertelf“? Wer das verstehen will, sollte sich auf das Betrachten der Mitschnitte des Brüsseler Finales beschränken – und die Schilderungen derer, die den Turniersieg als Teil der Erzählung eines Jahres wahrgenommen haben. Die Spieler selbst gehörten allerdings wohl kaum zu dieser Gruppe.

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