EM-Geschichten (4) : 1976: Ball in den Abendhimmel, Spieler in den Urlaub

1976 sind die Deutschen favorisiert, im finalen Elfmeterschießen gegen die Tschechoslowakei allerdings versagen Uli Hoeneß die Nerven.

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Letzter Lupfer. Der Tschechoslowake Antonin Panenka überlistet Sepp Maier.
Letzter Lupfer. Der Tschechoslowake Antonin Panenka überlistet Sepp Maier.Foto: picture-alliance/ dpa

Am 8. Juni eröffnen Polen und Griechenland in Warschau die Fußball-Europameisterschaft. Bis dahin blicken wir auf Besonderheiten vergangener Turniere zurück.

Uli Hoeneß trat an, zielte und verschoss. Der Ball flog in den Abendhimmel von Belgrad. Selbst Jahre später, als der heutige Präsident des FC Bayern mal wieder im Stadion von Roter Stern war, konnte er über seinen Fehlschuss nur gequält ein Witzchen reißen. Da über die Latte, irgendwo in die Wolken, sei der Ball gegangen damals im Finale der EM. Der Fehlschuss vom 20. Juni 1976 war das ganz persönliche Drama des Spielers Uli Hoeneß. Bei seinem letzten großen internationalen Auftritt und drittletzten Länderspiel verschoss der Profi des FC Bayern der deutschen Mannschaft den EM-Titel.

Dabei waren die Deutschen selbst schuld. Erstmals in der Geschichte internationaler Turniere gab es in Jugoslawien in einem Finale bei Unentschieden nach Verlängerung kein Wiederholungsspiel, sondern ein Elfmeterschießen. Erst einen Tag vor dem Finale des fünften Europameisterschaftsturniers stimmte die deutsche Delegation dieser Regeländerung zu. Es war ein Zugeständnis an die Spieler, die somit Sicherheit in ihrer Urlaubsplanung hatten.

Die EM 1976 war eine schlanke Veranstaltung. Die Qualifikation wurde zuvor zwischen 1974 und Sommer 1976 ausgespielt, in Jugoslawen kämpften vier qualifizierte Mannschaften fünf Tage lang um den Titel. Für die Deutschen war es kein angenehmes Turnier, die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön war im Umbruch, die Erwartungen in der Heimat riesig. 1972 waren die Deutschen Europameister geworden, zwei Jahre später im eigenen Lande Weltmeister.

Der Druck ist schon im Halbfinalspiel groß, vor 75 000 Zuschauern in Belgrad hat Schöns Mannschaft gegen Jugoslawien Probleme. Nach einer halben Stunde führt der Gegner 2:0. Doch der Weltmeister kämpft sich ins Spiel. Als der eingewechselte Kölner Heinz Flohe Mitte der zweiten Halbzeit den Anschlusstreffer erzielt, ist dies der Startschuss für ein starkes Comeback. Zehn Minuten vor Abpfiff wird Dieter Müller einwechselt. Es ist das Länderspieldebüt des Kölner Mittelstürmers. Und was für eines! Mit seiner ersten Ballberührung trifft Müller zum 2:2. Die Jugoslawen sind geschockt. Für Müller wird der Auftritt noch größer. Er trifft zwei Mal in der Verlängerung. Dreimal Müller, Hattrick. Deutschland siegt 4:2 und ist im Finale.

Im zweiten Halbfinale setzt sich die Tschechoslowakei in einem harten Spiel gegen die Niederlande 3:1 durch. Die Deutschen lassen sich davon wenig irritieren, nehmen den Gegner nicht für voll. Brigitte Beckenbauer gibt ihrem Ehemann ein vierblättriges Kleeblatt, das ein Fan vor dem Hotel „Jugoslavija“ gefunden und ihr weitergegeben hatte. Franz Beckenbauer lächelte und sagte: „Nun kann nichts mehr schiefgehen.“

Die Deutschen sind Favorit im Endspiel, beginnen allerdings wie im Halbfinale: Nach Fehlern von Berti Vogts und Franz Beckenbauer liegen sie nach einer halben Stunde wieder 0:2 hinten. Doch auf Dieter Müller ist erneut Verlass, der Kölner verkürzt auf 1:2. Und als Schiedsrichter Sergio Gonella aus Italien bereits die Pfeife zum Abpfiff im Mund hat, trifft der Frankfurter Bernd Hölzenbein zum 2:2 – mit dem Hinterkopf.

Die Verlängerung bleibt dann torlos. Es kommt zum Showdown. In ihrem 411. Länderspiel wird die deutsche Mannschaft erstmals mit dem Elfmeterschießen konfrontiert. Sieben Schützen treten an, sieben Treffer. 4:3 nach Elfmetern für die Tschechoslowaken, 6:5 insgesamt. Rainer Bonhof, Heinz Flohe und Hannes Bongartz haben für die Deutschen getroffen. Dann kommt Uli Hoeneß und drischt den Ball über die Latte. Antonin Panenka schießt wenig später den Gegner zum EM-Titel. Torwart Sepp Maier lässt sich bei dem Lupfer von dem Tschechoslowaken düpieren.

Hoeneß sagt nach dem Spiel, er habe gar nicht schießen wollen. „Aber ich wollte mich nicht drücken. Den Ball wollte ich mit dem Spann schießen, habe ihn aber nicht voll getroffen.“ Kritik am Fehlschützen gibt es von Helmut Schön nicht. Der Bundestrainer sagt, Hoeneß habe immerhin den Mut gehabt, sich der Verantwortung zu stellen.

Dafür steht der EM-Modus bei der deutschen Delegation nach der Elfmeterniederlage in der Kritik. Hermann Neuberger, der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sagt: „Ich bin für einen neuen Modus: Wie im Europapokal mit Hin- und Rückspiel auch im Halbfinale. Auch sollten zwei Endspiele ausgetragen werden.“ Neuberger sollte sich nicht durchsetzen – dafür kamen die deutschen Spieler 1976 pünktlich in den Urlaub.

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