EM-Geschichten (5) : 1980: Der Teufel mit dem Engelsgesicht

Die EM 1980 ist das erste und letzte große Turnier von Bernd Schuster im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

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Genie und Wahnsinn. Bernd Schuster war der beste Spieler bei der EM 1980.
Genie und Wahnsinn. Bernd Schuster war der beste Spieler bei der EM 1980.Foto: imago

Am 8. Juni eröffnen Polen und Griechenland in Warschau die Fußball-Europameisterschaft. Bis dahin blicken wir auf Besonderheiten vergangener Turniere zurück.

Dieser Pass! Er ist Versprechen und Sehnsucht zugleich. Gespielt von einem 20-Jährigen mit dem Gesicht eines Engels und dem Gemüt eines Teufels. So werden sie Jahre später wegen seines schwierigen Charakters über ihn schreiben und sprechen.

1980 ist Bernd Schuster aber noch Jedermanns Liebling und die personifizierte Hoffnung einer kränkelnden Fußballnation. Erst Recht, als er im Finale der Europameisterschaft diesen herrlichen Pass spielt. Zehn Minuten sind im Stadio Olimpico von Rom absolviert, da nimmt sich Schuster an der Mittellinie den Ball. Einen Doppelpass leitet er anschließend als Heber direkt in den Lauf von Horst Hrubesch. Der Stürmer vom Hamburger SV zieht kurz in die Mitte und überwindet den belgischen Torwart Jean-Marie Pfaff zum 1:0 für Deutschland. Hrubesch wird 80 Minuten später noch einmal treffen und Deutschland durch dieses 2:1 zum zweiten Mal nach 1972 zum Europameister machen. Das aber nur nebenbei. Denn Hrubesch ist zwar der Held des Finals. Die EM aber gehört Schuster. Er ist es, der als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wird und anschließend zum großen FC Barcelona wechselt.

Was in Rom noch keiner ahnt: Es sollte Schusters erstes und letztes großes Turnier mit der deutschen Nationalmannschaft bleiben. Die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien verpasst er wegen einer Verletzung, Anfang 1984 tritt er nach einem Streit mit Bundestrainer Jupp Derwall aus dem Nationalteam zurück. Seine Bilanz: 21 Länderspiele, vier Tore. Es gibt wohl keinen Spieler im deutschen Fußball, der mit derart viel Talent so wenige Länderspiele gemacht hat.

Dabei beginnt alles so hoffnungsvoll. Im Trikot des 1. FC Köln hat Schuster eine starke Bundesliga–Saison gespielt. Die Nominierung für den EM-Kader ist die logische Konsequenz. Die Nationalmannschaft befindet sich zu dieser Zeit im Umbruch, das klägliche Scheitern bei der WM zwei Jahre zuvor wiegt noch immer schwer. Weil Deutschland mit einem Altersdurchschnitt von 24,5 Jahren eines der jüngsten Teams stellt, ist die Erwartungshaltung gering. In Italien ist kein Spieler der Europameistermannschaft von 1972 mehr dabei. Im Kader herrscht ein Erfahrungs-Vakuum. Neben Kapitän Bernhard Dietz gelten lediglich Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern und Uli Stielike von Real Madrid als Führungskräfte. Der Rest sind brav-biedere Rollenspieler wie Bernd Cullmann, Hansi Müller oder Hans-Peter Briegel. Schuster verkörpert dagegen die fußballerische Klasse der 72er. Es gibt nicht wenige, die in ihm den legitimen Nachfolger von Spielmacher Günter Netzer sehen.

Trotzdem muss Schuster im ersten Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei zusehen. Bundestrainer Derwall entscheidet sich gegen den Kölner. Und erntet Kritik. Deutschland müht sich bei der Neuauflage des Finales von 1976 zu einem 1:0 gegen überalterte Tschechen. Zum zweiten Spiel gegen die Niederlande bringt Derwall dann Schuster – wie es heißt, wegen des Drucks aus der Mannschaft. Seine Mitspieler fühlen sich bestätigt, als Schuster gegen den großen Rivalen ein herausragendes Spiel abliefert. Er schlägt Haken, spielt Pässe und ist nie zu greifen. Seine Leistung und die des dreifachen Torschützen Klaus Allofs sind der Hauptgrund, dass Deutschland nach etwas mehr als einer Stunde 3:0 führt. Im letzten Vorrundenspiel gegen Griechenland reicht Deutschland ein 0:0 zum Einzug ins Finale.

Drei Jahre zuvor hat der europäische Fußballverband Uefa die Regularien für die Europameisterschaft geändert. Erstmalig wird die Endrunde 1980 in Turnierform ausgetragen. Acht Mannschaften duellieren sich nun in zwei Vierergruppen, die beiden Sieger spielen das Finale. Von der Reform erhoffen sich die Verantwortlichen mehr Aufmerksamkeit für das immer noch nicht von allen Verbänden geliebte Turnier. Als Werbung für die Europameisterschaft taugt die Veranstaltung in Italien aber nicht. Die Qualität der meisten Spiele ist lausig, Defensivdenken steht im Vordergrund. Die italienischen Fans strafen das Turnier mit Desinteresse, zum Spiel Griechenland gegen die Tschechoslowakei erscheinen gerade mal 7614 Zuschauer. Die meisten Italiener hatten wohl das Vertrauen in den Fußball verloren. Ein Manipulationsskandal, in den viele Spieler und Funktionäre verwickelt gewesen sind, hat Italien erst 1979 erschüttert.

So bleiben ein Jahr später viele Plätze in den Stadien leer. Auch zum Finale von Rom kommen nur 47 000 Zuschauer. Doch sie erleben einen überragenden Bernd Schuster.

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