EM-Gold für Harting : Regent im Regen

Als letzter Deutscher hatte Lars Riedel 1998 EM-Gold im Diskuswerfen gewonnen. Jetzt hat Robert Harting es ihm nachgetan. Mit einer Bestweite von 68,30 Metern setzte sich der Berliner bei der Leichtathletik-EM in Helsinki souverän durch - und freute sich über das miese Wetter.

Konstantin Jochens
Jetzt auch Europameister: Robert Harting dominierte in Helsinki die Konkurrenz.
Jetzt auch Europameister: Robert Harting dominierte in Helsinki die Konkurrenz.Foto: Reuters

Robert Harting hatte sich Regen gewünscht und der Regen kam. Pünktlich zum Beginn des Diskuswurf-Finals bei der Leichtathletik-EM fing es über dem Olympiastadion von Helsinki an zu nieseln. Der Ring sei dann nicht so stumpf, er müsse also nicht so viel Beinarbeit leisten, so begründete Harting seinen Regenwunsch nach der Qualifikation. Denn seine Beine seien „aktuell sehr müde“. Außerdem: Die Umstände seien doch „cool für London“, eine prima Vorbereitung für das vermeintlich feucht-kühle britische Wetter, das die Werfer in wenigen Wochen bei den Olympischen Spielen erwartet.

Und dann das. „Ich habe alle meine Regensachen vergessen“, sagte Harting nach dem Wettkampf und konnte es selbst kaum glauben. Es blieb jedoch sein einziger Aussetzer an diesem Tag. Sportlich lief es dagegen gut im Ring: Mit 68,30 Metern gewann der Berliner in Helsinki die Goldmedaille vor Gerd Kanter aus Estland (66,53) und dem Ungarn Zoltan Kovago (66,42).

Nur kurz konnte die Konkurrenz da mit dem zweimaligen Weltmeister mithalten. Nach einem Wurf auf 63,02 Meter lag Harting nach dem ersten Durchgang lediglich auf dem dritten Rang. Trotzdem: „Es gab keine Zweifel, nur ein Warten, ein Immer-wieder-aufwärmen“. Er habe sich erst neu auf den Ring einlassen müssen, der beim Einwerfen noch trocken war, später aber feucht und damit schneller und rutschiger wurde. „Die ersten Würfe sahen aus, als ob ich das Diskuswerfen gerade erst gelernt habe“, sagte Harting. Im vierten Durchgang sorgte er dann für klare Verhältnisse. Er animierte das fröstelnde Publikum im Olympiastadion von 1952 zum rhythmischen Klatschen und beförderte die Scheibe unter dem Raunen der Zuschauer bis jenseits der 68-Meter-Marke.

Harting, der Regent im Ring. Doch was für den Laien hervorragend aussah, redete der Schützling von Trainer Werner Goldmann später zu einem eher mittelprächtigen Wurf herunter. Der Diskus sei eigentlich eher schlecht geflogen, sagte er. Er habe viel Kraft in den Wurf hineingesteckt, worunter die Technik gelitten habe, so der 27-Jährige. Aber zum Glück habe er nun ja vier Wochen Zeit, „um ein bisschen Harmonie reinzubringen“.

Schon nach dem Gewinn seines sechsten deutschen Meistertitels vor zwei Wochen in Wattenscheid hatte er angekündigt, „die Form zerstören“ zu müssen, um bei den Olympischen Spielen im August in Topform zu sein. Hartings gesamter Trainingsaufbau ist auf London ausgerichtet, wo er als erster Deutscher seit Lars Riedels Olympiasieg im Jahr 1996 die Goldmedaille holen möchte. Der EM-Titel war für den Mann vom SCC Berlin nicht viel mehr als eine Zwischenstation. Entsprechend zurückhaltend bejubelte er seinen Triumph: Das Nationaltrikot, das Harting bei seinen beiden WM-Erfolgen 2009 und 2011 jeweils noch medienwirksam zerrissen hatte, es blieb diesmal heil. „Man muss sich Emotionen in Reserve behalten“, sagte der 2,01-Meter-Hüne. „Ich werde heute Abend ein teures finnisches Bier trinken und das war’s dann auch.“

Im Mai hatte Harting in Halle/Saale mit 70,31 Metern zum ersten Mal in seiner Karriere über die 70-Meter-Marke geworfen. Drei Tage später folgte im tschechischen Turnov mit 70,66 Metern prompt der zweite Siebziger. Saisonübergreifend ist er nach der EM nun sogar schon bei 28 Wettkampfstarts ungeschlagen, zuletzt hatte er am 8. August 2010 das Nachsehen. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später, am 7. August, steigt im Londoner Olympiastadion das olympische Finale im Diskuswerfen. Harting hätte sicher nichts dagegen, wenn das Wetter dann dasselbe ist wie gestern bei den Europameisterschaften.

Neben der Goldmedaille für den Berliner gab es gestern zwei weitere Medaillen für das deutsche Team. Martina Strutz aus Neubrandenburg belegte im Stabhochsprung mit 4,60 Metern den zweiten Rang. Zudem holte Antje Möldner-Schmidt nach schwerer Lymphdrüsenerkrankung Bronze auf dem Hindernis-Parcours über 3000 Meter (9:36,37 Minuten). „Ich habe mir heute einen Traum erfüllt“, sagte die Cottbuserin.

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