EM-Helden (5) : Eike Immel: „Wir hatten keine Chance“

In unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Heute Folge 5: Eike Immel über das Halbfinal-Aus 1988 gegen Holland und die miese Stimmung beim Heimturnier.

Eike Immel
Immel Foto: AP
Hollands Sommermärchen. Marco van Basten trifft gegen Eike Immel zum 2:1.Foto: AP

Vor ein paar Wochen habe ich mich zufällig im Fernsehen gesehen: Mein letztes Spiel in der Nationalmannschaft, unser Ausscheiden im EM-Halbfinale 1988 in Hamburg gegen Holland. Ein großartiges Spiel – leider nur von den Holländern. Ich war ganz überrascht, zu sehen, dass wir eigentlich gar keine Chance hatten. Die Holländer waren uns in so ziemlich allen Belangen überlegen. Ihr 2:1-Sieg, so glücklich er auch zustande kam, war hoch verdient. Das habe ich damals überhaupt nicht so empfunden.

Die Europameisterschaft fand in Deutschland statt, allerdings kann man sie so überhaupt nicht mit der WM 2006 vergleichen. Vor zwei Jahren hat sich das Volk selbst gefeiert, 1988 war die Stimmung eher bescheiden. Dafür waren die Ansprüche sehr hoch. Von uns wurde der Titel erwartet, unser Ausscheiden im Halbfinale hat die Öffentlichkeit als Desaster empfunden. Dabei war das Turnier hochkarätig besetzt. Man muss sich nur mal unsere Vorrundengruppe anschauen: Spanien, Italien und Dänemark, das damals ja auch zur Weltspitze gehörte.

Im Eröffnungsspiel gegen Italien haben wie uns dann auch erst mal sehr schwer getan. Wir waren verkrampft. Die Italiener gingen prompt 1:0 in Führung, und wer weiß, was passiert wäre, wenn der italienische Torhüter Zenga nicht einen Schrittfehler gemacht hätte. Damals gab das laut Regel einen indirekten Freistoß, und den hat Andreas Brehme zum Ausgleich reingehauen.

Das nächste Spiel war in Gelsenkirchen gegen die Dänen. Die haben wir regelrecht an die Wand gespielt. Für Jürgen Klinsmann war es das erste große Turnier, er hat schnell das 1:0 geschossen, kurz vor Schluss ist Olaf Thon das zweite Tor gelungen. Für ihn als Gelsenkirchener war das etwas ganz Besonderes. Ich glaube, in dem Spiel ist kein einziger gefährlicher Ball auf mein Tor gekommen. Jetzt waren wir im Rhythmus, das haben die Spanier im München zu spüren bekommen im letzten Vorrundenspiel. Rudi Völler hat die beiden Tore zum 2:0 geschossen, für ihn war das eine Art Wiedergeburt, denn er stand gerade stark in der Kritik. Rudi gut, alles gut. Das Publikum war selig, und ich fest davon überzeugt, dass der Europameister nur Deutschland heißen könnte.

Für unser Halbfinale hatten wir auf die Iren als Gegner gehofft. Die Holländer mussten in ihrem letzten Spiel gegen Irland unbedingt gewinnen, was ihnen in der Nachspielzeit durch ein Tor von Wim Kieft aber gelang. Da habe ich mir schon gedacht: Na, wie das wohl enden wird? Schon bei unserer Anfahrt ins alte Volksparkstadion wurde mir ganz mulmig. Man konnte damals von der Autobahn ins Stadion reinschauen, und ich habe nur Orange gesehen. Alles Holländer. Also, einen Heimvorteil hatten wir nicht gerade, denn der Hamburger an sich ist ja nicht gerade heißblütig, und die Holländer haben einen Riesenlärm gemacht.

Aber daran lag's natürlich nicht. Die Holländer waren einfach besser. Sie haben uns früh beim Spielaufbau gestört, und sie hatten überragende Einzelspieler wie van Basten, Gullit oder Rijkaard. Trotzdem hätten wir es beinahe geschafft. Jürgen Klinsmann wurde im Strafraum gefoult, die Holländer protestierten, aber der rumänische Schiedsrichter hat sofort auf Elfmeter entschieden. Lothar Matthäus hat ihn zum 1:0 verwandelt. Wir standen ganz dicht vor dem Finale. Der Schiedsrichter aber war wegen der vielen Proteste ein wenig verunsichert, und ich glaube, deswegen hat er nach einem Zweikampf zwischen Kohler und van Basten auch den Holländern einen Elfer gegeben. Das war nie im Leben ein Foul, aber Ronald Koeman nutzte den Freistoß zum Ausgleich.

Und dann, kurz vor Schluss, kam die Szene, die ich nie vergessen werde. Der Steilpass von Wouters auf van Basten, Kohler ist fast schon dran, ich mache einen Schritt nach vorn, aber plötzlich grätscht van Basten nach vorn und spitzelt den Ball mit dem rechten Fuß ins lange Eck. Tausendmal hab ich mich gefragt, ob ich den hätte halten müssen. Am Ende aber bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es einfach eine Weltklasseleistung eines Weltklassestürmers war. Van Basten war in der Form seines Leben.

Ich habe mir damals Hollands Sieg im Endspiel zu Hause im Fernsehen angetan. Die Mannschaft war längst auseinander, die Nacht nach dem Halbfinale haben wir irgendwo außerhalb von Hamburg in einer Sportschule verbracht – mit reichlich Alkohol. Aber was war eigentlich passiert? Wir hatten uns in einer starken Vorrundengruppe durchgesetzt und dann im Halbfinale gegen eine überragende Mannschaft verloren. Wenn ich mir vorstelle, wie unsere Nationalmannschaft vor zwei Jahren nach dem 0:2 gegen Italien gefeiert wurde …

Aufgezeichnet von Sven Goldmann.

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