EM-Helden (8) : Markus Babbel: "Ribbeck war nicht der Richtige"

Meine EM - in unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Heute Folge 8: Markus Babbel über das Scheitern bei der EM 2000 und die Nacht der Schande, die er verschlief.

Babbel
Es war zum Schreien. Babbel sagt heute: Wir musstenbei der EM einfach scheitern.Foto: dpa

Eigentlich wollte ich das Turnier in Holland und Belgien aus meinem Gedächtnis streichen. Aber vielleicht war dieses wirklich traurige deutsche Fußballkapitel im Nachhinein auch ganz heilsam. Unter dem späteren Teamchef Rudi Völler trat man zwei Jahre später bei der WM 2002 den Beweis an, was eine Mannschaft mit einem guten Teamspirit zu erreichen im Stande ist.

Von den Einzelspielern her waren wir bei der EM 2000 ja recht gut bestückt, aber wenn du kein gutes Binnenklima hast, kannst du nichts reißen als Mannschaft. Es hatte sich ja schon lange vorher angebahnt, dass diese EM schwer werden würde. Es fing schon damit an, wie die Nachfolge von Berti Vogts als Bundestrainer geregelt wurde. Das war im September 1998. Die Suche nach einem geeigneten Kandidaten war eine Farce. Erst sollte Uli Stielike Bundestrainer werden, dann war es Paul Breitner für eine Nacht und am Ende wurde es – große Überraschung – Erich Ribbeck. Nichts gegen Ribbeck, den ich immer als sehr sympathischen und angenehmen Menschen empfunden habe, aber für diesen Posten war er nicht der Richtige. Dieses Problem zog sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Amtszeit.

Das Duo Ribbeck/Stielike passte einfach nicht. Das gipfelte ja darin, dass der Uli kurz vor dem EM-Turnier seinen Hut nahm. Das war konsequent von ihm. Die beiden waren ja wie Hund und Katz. Der Uli hat für sich die Notbremse gezogen. Geändert hat es allerdings nicht viel. Es war schon zu spät. Diese Uneinigkeit an der Spitze hatte sich längst auf die Mannschaft übertragen. Wir hatten im Juni 2000 als Mannschaft keinen Spaß. Vor allem aber hatten wir keine Strategie, wie wir dieses Turnier hätten erfolgreich gestalten können. Die Probleme, die wir dann bekamen, waren vorhersehbar. Das erste Gruppenspiel gegen Rumänien war noch recht ordentlich, selbst die Niederlage gegen England ging noch, aber das war es auch schon. Den meisten von uns war eigentlich klar, dass unser Auftritt bei dieser EM zum Scheitern verurteilt war. Wenn ich daran denke, dass wir noch im Trainingslager auf Mallorca versucht haben, die Dreierkette einzustudieren.

Im Nachhinein ist es sehr bitter, dass man durch diesen Zirkus ein ganzes Turnier hergeschenkt hat. Aber auch ich will mich als damaliger Spieler nicht freisprechen von der Kritik. Ich ärgere mich über mich selbst. Vermutlich hätte man schon etwas sagen und tun sollen, als Ribbeck Nationaltrainer wurde. Ein feiner Mensch, aber vom Fachlichen her gab es bessere. Du brauchst an der Spitze der Nationalelf einfach einen Mann, der ein klares Konzept hat, der Visionen hat. Ribbeck war damals mehr so eine GuteLaune-Geschichte des DFB. Der Verband wollte nach Vogts unbedingt einen, der mit den Medien besser kann, der eine Sache nach außen gut verkaufen konnte. Leider war es das einzige Kriterium.

Erich Ribbeck zugute halten möchte ich aber, dass er seinen Assistenztrainer nicht selbst bestimmen konnte. So etwas geht nie gut. Der Erich hätte damals einen starken Mann an seiner Seite gebraucht, und zwischen beiden hätte es passen müssen. Fußballspieler sind manchmal auch Drecksäcke. Sie registrieren genau, mit wem sie besser können und schlagen sich dann auf die jeweilige Seite.
Diese ganze Hilf- und Konzeptionslosigkeit ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Wir Spieler waren ja nicht dumm. Natürlich haben wir im kleinen Kreis oft darüber gesprochen, dass die ganze Sache im Desaster enden würde, wenn niemand etwas unternimmt. Ich weiß auch, dass der Lothar Matthäus von uns gedrängt worden war, mal mit Beckenbauer zu telefonieren. Das war ja fast schon eine Verzweiflungstat.

Auch ich war so im Fahrwasser drin, ich hatte mich von der schlechten Stimmung innerhalb des Teams runterziehen lassen. Ich habe nichts dagegen unternommen. Das habe ich vielleicht versäumt. Aber wenn, dann hätte man es mit aller Macht versuchen müssen. Ich erinnere noch, dass der Jens Jeremies zwei Monate vor der EM ein Warnsignal setzen wollte. In einem Interview hatte er den Zustand der Nationalmannschaft als erbärmlich bezeichnet. Danach war was los, das kann ich Ihnen sagen. Dabei wusste das doch prinzipiell jeder. Seit der EM 1996 gab es für Deutschland doch kein gutes Länderspiel mehr. Ich verstand damals den Aufruhr nicht.

Was ich aber besonders lustig finde, ist, dass in diesem Zusammenhang immer wieder mein Name fällt. Ich sei einer der Revoluzzer gewesen, die Matthäus und Ribbeck kippen wollten. Dabei habe ich keinen der beiden angeschwärzt. Klar, ein paar Spieler wie Jens Jeremies, Dietmar Hamann oder Mehmet Scholl, wir haben schon offen diskutiert, auch sehr kritisch, aber ich war bestimmt nicht derjenige, der vorneweg war. Vermutlich meinten die Medien das, weil ich bei den Bayern spielte. Die Bayern, das waren die Putschisten!
Bei dieser Gelegenheit kann ich gleich noch mit einer anderen Legende aufräumen. Die „Nacht der Schande“, oder die „Nacht der leeren Flaschen“, wie es in den Zeitungen hieß. Nach dem 0:3 gegen Portugal, was unser Vorrundenaus besiegelt hatte, traf sich die Mannschaft noch auf der Terrasse unseres EM-Mannschaftsquartiers in Vaals. Im Verlauf der Nacht wurde tatsächlich viel getrunken. Ich konnte damals auch wirklich jeden verstehen, der sich nach dem Aus ein paar hinter die Binde kippte. Aber ich war gar nicht mit dabei! Ob Sie es glauben oder nicht: Ich lag friedlich auf meinem Zimmer und habe geschlafen. Ich wollte einfach nichts mehr mit diesem Turnier zu tun haben, sondern beizeiten aufstehen, um möglichst früh wegzukommen. Mein Wechsel zum FC Liverpool stand ja damals schon fest, und dieser Klimawechsel tat mir auch wirklich gut.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt.

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