EM-Kader : Danke schön und Auf Wiedersehen

Der Kader für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz steht. Helmes, Jones und Marin dürfen nicht zur EM.

Michael Rosentritt[Palma de Mallorca]

David Odonkor dürfte gestern besonders lieb zu seinen Beinen gewesen sein. Vermutlich wird er viele Stunden damit verbracht haben, seine Waden- und Oberschenkelmuskulatur immer und immer wieder zu streicheln. Kein anderer deutscher Fußballspieler ist auf die Schnellkraftkontraktion dieser Muskelgruppen so angewiesen wie der Mann von Betis Sevilla. „Die Schnelligkeit ist seine Waffe“, sagte der Bundestrainer gestern Mittag, nachdem raus war, dass David Odonkor den Cut überstanden hat.

Der Leichtathlet unter Deutschlands besten Fußballern hat es also in den endgültigen, 23 Spieler umfassenden EM-Kader geschafft. Das war zwar auch schon bei der WM 2006 so, aber an Originalität hat dieser Überraschungseffekt nicht eingebüßt, bei allem, was dem jungen, schnellen Mann sonst so fehlt. Gestrichen wurden dagegen der Stürmer Patrick Helmes (Köln), der defensive Mittelfeldspieler Jermaine Jones (Schalke) und auch Marko Marin. Dem Gladbacher, der von Löw vom ersten Tag an mit Lob überhäuft wurde, in dessen dünnen Beinen so viel fußballerisches Talent wohnt, fiel letztlich seine Leichtigkeit zur Last. Er habe bislang in der Zweiten Liga gespielt, die EM aber spiele sich auf höchstem körperlichen Niveau ab, führte Löw als Begründung an. „Da muss er noch zulegen.“

Bis spät in die Nacht hinein tagte Löw mit seinen Trainern Hans Flick und Andreas Köpke sowie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Am Vormittag dann, so kurz nach elf, sprach Löw mit den drei Spielern, anschließend zog er noch einmal den kompletten Kader zusammen und erklärte den restlichen 23 EM-Spielern, wie die Entscheidung zustande gekommen war. Noch am Nachmittag verließen Helmes, Jones und Marin das Trainingscamp auf Mallorca.

„Wir müssen diesen Spielern danken“, sagte Löw. Sie hätten wesentlich dazu beigetragen, dass das Training der Castingtage auf einem hohen Level abgelaufen sei. „Bei allen war es nur ein Sandkorn, das die Waage ausschlagen ließ“, sagte Löw. Allen dreien machte er die Hoffnung, dass sie Perspektiven hätten und nach der EM wieder mit Einladungen zur Nationalmannschaft rechnen könnten. Vor allem um Markus Marin muss es Diskussionen gegeben haben. Löw sagte: „Die Zukunft wird ihm gehören.“ Die Enttäuschung war den Aussortierten anzusehen gewesen. „Sie war förmlich greifbar im Raum“, erzählte Löw. Nachdem er ihnen die böse Botschaft überbrachte hatte, habe keiner von ihnen großartigen Bedarf verspürt, etwas dazu zu sagen. Alle hätten die Entscheidung akzeptiert.

Auch Jermaine Jones. Der Schalker galt für viele Beobachter als erster Streichkandidat. „Die EM war mein großes Ziel, das ich nun nicht erreicht habe“, sagte er. „Jetzt werde ich erst mal abschalten, alles sacken lassen und mit der Familie in Urlaub fahren.“ Weniger tragisch nahm es Patrick Helmes, der das Duell mit dem erfahrenen Oliver Neuville verloren hat. „Natürlich bin ich traurig, trotzdem kann ich nicht enttäuscht sein, weil ich von Anfang an damit rechnen musste, dass ich zu denen gehöre, die nicht zur Euro fahren. Ich werde wieder angreifen.“ Ähnlich hörte sich auch Marko Marin an: „Es ist schade, dass ich nicht dabei bin. Aber ich habe immerhin mein erstes Länderspiel bestritten und bin noch jung. Den Jungs drücke ich jetzt die Daumen.“

Zehn Tage lang hatten die Kandidaten beim Euro-Casting gebangt. Freunde der Zahlenlogik wussten schon während des Testspiels gegen Weißrussland Bescheid. Die drei später Aussortierten trugen die Rückennummern 24, 25 und 26. Löw erschrak und winkte ab: „Das war reiner Zufall.“

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