EM-Kader : Wir müssen zuschauen

Viele Stars fehlen bei der EM, weil die Trainer keine Rücksicht mehr auf große Namen nehmen. Maniche, Trezeguet und Raúl sind fit, wurden aber nicht nominiert.

Christian Tretbar

Große Freunde würden sie nicht mehr werden. Das war schon klar, an jenem Abend im Juni 2006. Frankreich mühte sich in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft zu einem mageren 1:1 gegen Südkorea. Thierry Henry rackerte sich als einzige Sturmspitze ab, wie schon beim Spiel zuvor gegen die Schweiz. 0:0 ging das aus und David Trezeguet saß nur auf der Bank. Diesmal wechselte ihn sein Trainer Raymond Domenech ein – Sekunden vor Schluss. Trezeguet quittierte das ganze nur mit einem verächtlichen Lächeln.

Für David Trezeguet entwickelte sich diese WM zu einem kleinen Fiasko, weil er auch noch den entscheidenden Elfmeter im Finale gegen Italien verschoss. Es war nicht nur sein persönlicher Tiefpunkt, sondern gleichzeitig könnte es sein letztes Spiel für Frankreich in einem großen Turnier gewesen sein. Denn Raymond Domenech nominierte Trezeguet nach der WM noch fünf Mal, meistens saß er dabei auch nur auf der Bank. Und jetzt hat Domenech den Stürmer auch nicht für die Europameisterschaft nominiert. Überrascht hat das in Frankreich niemanden. Es ist der logische Schlusspunkt einer regelrechten Feindschaft. Erklärt hat es Domenech dem Stürmer, den sie einst Trezegol nannten, nicht. „Mich interessieren die 23 Spieler, die bei der EM dabei sind“, sagte er lapidar. Frankreich verzichtet also auf einen Spieler, der 34 Tore in 71 Einsätzen für die „Equipe Tricolore“ erzielt hat. Der 20 Tore in der abgelaufenen Saison der Serie A für Juventus Turin erzielt hat. Und auf jenen Spieler, der im Finale der EM 2000 gegen Italien das Golden Goal geschossen hatte und Frankreich zum Europameister machte.

Doch die Franzosen liegen mit dieser Entscheidung gegen Trezeguet voll im Trend. Denn nicht nur sie haben ältere Stars ausrangiert. Auch andere Nationen verzichten auf ihre prominentesten Gesichter, womit diese EM schon vor ihrem Start ein Turnier der gefallenen Stars ist. Raúl zum Beispiel. Spaniens Darling spielt bei dieser EM nicht. 44 Tore in 102 Länderspielen reichen nicht mehr als Argument. Einer, der auf dem besten Weg gewesen ist, ein ganz Großer seiner Nation zu werden, bleibt ebenfalls zu Hause: Maniche, der Portugiese. 2004 bei der EM und 2006 bei der WM war er noch die wichtigste Stütze im portugiesischen Team. Allein sein Tor im EM-Halbfinale gegen die Niederlande hat sich nicht nur ins kollektive Gedächtnis der Portugiesen gebrannt. Doch danach folgten viele Vereinswechsel von Dynamo Moskau, über den FC Chelsea, Atlético Madrid zu Inter Mailand, wo er nur auf der Bank sitzt. Die Türken wiederum verzichten auf die Treffsicherheit eines Hakan Sükür.

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Italiens Trainer Roberto Donadoni holt extra für die EM Alessandro Del Piero ins Aufgebot zurück. Und Karel Brückner, Tschechiens Nationaltrainer, bemühte sich zumindest den 35 Jahre alten Pavel Nedved noch einmal zu überreden – allerdings vergeblich. Trotzdem zeigt es doch, dass nicht nur in Deutschland mit Jürgen Klinsmann und vor allem unter Joachim Löw das Leistungsprinzip Einzug gehalten hat in die Zusammenstellung der nationalen Turnierkader. Nicht mehr der Lobbyismus eines Spitzenklubs ist entscheidend, sondern die Frage, welche Fähigkeiten bringt ein Spieler mit, wie passt er ins taktische Konzept und wie zu den anderen Spielern. So schaffte es in Frankreich beispielsweise der junge Bafétimbi Gomis von St. Etienne ins Aufgebot. Mit 16 Ligatoren hat er Domenech überzeugt und einer Spielweise, die wesentlich besser zu Thierry Henry passt als die des oftmals etwas statischen Trezeguet.

Die Nationaltrainer werden immer autonomer in der Zusammenstellung ihrer Kader und müssen kaum mehr Rücksicht auf große Namen nehmen. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass es ein sternchenloses Turnier wird. Karim Benzema von Olympique Lyon könnte beispielsweise einer werden, dessen Licht in der Schweiz und Österreich erst richtig aufgeht. Auch er steht bei den Franzosen im Kader. Seine Empfehlung für Domenech waren 20 Tore in der französischen Liga, Präsenz und Ausstrahlung auf dem Platz und eine echte Alternative für Henry. Und die Portugiesen? Die haben bereits Ersatz für den ausgemusterten Maniche: Cristiano Ronaldo.

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