EM-Kolumne Europareise (24) : Italien ist der Sieg zu wünschen

Marcel Reif wünscht sich für das heutige Finale zwischen Italien und Spanien einen Sieg der italienischen Fußball-Anarchisten - weil Erfolg nicht planbar sein darf. Und damit deren Fußball endlich wieder auf den rechten Weg zurückfindet.

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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Was gibt es zu sagen vor dem heutigen Spiel? Cesare Prandelli gibt es zu sagen, zu loben und zu preisen, für mich ist er der Star dieser EM. Das war ja nichts Kleines, was er erreicht hat, zuletzt zu sehen im Spiel gegen den zaudernden Jogi Löw und dessen noch zauderndere Taktik. Mit etwas Pathos gesprochen: Männer haben Jungs gezeigt, wie es geht. Eine Ansammlung von No-Names, gepaart mit ein paar Bekannten. Hat dieser Pirlo nicht schon gegen Netzer und Overath gespielt? Zumindest hat er gespielt, wie man seinerzeit gegen Netzer und Overath spielte. Und vorne. Da stehen Cassano und Balotelli. Will sagen: Jogi Löw hat vor dem Spiel gegen Griechenland ein 500 Seiten umfassendes Dossier von der Sporthochschule Köln bekommen. Das hat vielleicht geholfen, mag sein. Aber dann kommen zwei Straßenjungs, Jungs mit schmutzigen Fingernägeln, anarchische Straßenjungs – und schießen all das Verkopfte und Verwissenschaftlichte des Fußballs ins Aus. Man kann der weißen Fahne die Schuld geben, die Löw hisste, als er Kroos auf Pirlo ansetzte und damit ängstlich reagierte, statt zu agieren. Oder aber man freut sich am Sieg des Anarchischen, am Straßenfußball. Bei aller Trauer über das Ausscheiden der Deutschen, die EM insgesamt betrachtet freue ich mich über Letzteres.

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Ob die Spanier dagegenhalten können? Trainer del Bosque brachte den Mittelstürmer Negredo. Aber doch nicht als Zeichen der Umkehr vom Tiki-Taka. Sondern als Zeichen gegen die Kritiker, um hinterher sagen zu können, und was sagt ihr jetzt? Kaum zu glauben, dass Spanien auch auf die Anarchie im Fußball setzt. Ich wünsche mir, dass sie nur, wenn sie es tun, eine Chance haben.

Cesare Prandelli hat dieser Tage gesagt, er sei so müde, so abgründig müde. Kokett war das sicherlich nicht. Das war ein Hilfeschrei, ein Schrei gegen alles, was den italienischen Fußball so verdammenswert macht. Sie hatten die Polizei im Haus, sie haben Skandale über Skandale. Prandelli hat, wie heißt das, den Augiasstall auszumisten begonnen. Ein garibaldisches Unterfangen. Aber wenn er es schafft, wenn Italien nach diesem ohnehin schon grandiosen Turnier den Titel holt, dann hat Italien die Chance, wieder auf den rechten Weg des Fußballs zu kommen. Mit seiner disziplinierten Abwehr und der Rückkehr zur Anarchie, ohne die der Fußball nicht auskommt. Wenn er das schafft, hat er Großes geleistet, für Italien, für den Fußball. Das gibt es zu sagen vor dem Finale.

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