EM-Kolumne Europareise (4) : Ernüchtert euphorisch

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Marcel Reif, Moritz Rinke, Lucien Favre, Philipp Köster und Jens Mühling im Wechsel die EM. Diesmal sinniert Marcel Reif über das Einerseits und Andererseits des deutschen Starts.

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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Es ist noch nicht lange her, da herrschte eine Stimmung im Lande, in der das EM-Turnier nur noch als Formsache existierte. Die paar Spiele in Polen und in der Ukraine und dann sind die Deutschen Europameister. Dann gab es ein paar Spiele, ein paar Ergebnisse, die die vorherrschende Meinung doch stark relativierten. Und nun? Nach dem Spiel gegen die Portugiesen muss man wohl sagen, dass wir ziemlich weit weg sind vom Titel, viel weiter kann man eigentlich nicht weg sein. Einerseits. Andererseits hat Deutschland gewonnen. Das können die Polen und die Holländer nicht von sich behaupten. Was war noch zu sehen? Dass unser Mittelfeld mit Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger wieder gesund ist. Einerseits. Andererseits hat es noch sehr, sehr viel Luft nach oben, ja, eigentlich noch alle Luft, denn der Auftritt war keiner, den man brauchen kann in der näheren Zukunft.

Dann hatten wir uns vorher ein wenig gesorgt um unsere Abwehr, um den Kantonisten Mats Hummels, um Jerome Boateng, war der nicht noch in der Nacht vor der Abreise in früher Morgenstunde in wenig sportiver Begleitung gesichtet worden? Einerseits. Andererseits hatte eben Boateng Cristiano Ronaldo so fest im Griff, wie man es besser kaum haben kann. Und der unsichere Hummels, der, dem international doch so viel Erfahrung fehlt? Der machte eine überragende Partie. Nun zum Sturm. Der war schon aufreizend absent gegen die Portugiesen. Und Mario Gomez’ Abwesenheit im Spiel kann man schon fast provokant nennen. Einerseits. Andererseits, wer hat noch gleich das Tor gemacht? Dann hat die deutsche Mannschaft besonders in Hälfte zwei den Portugiesen viel zu viel Raum gegeben. Einerseits. Andererseits hat sie dem wütenden Sturmlauf getrotzt.

Nun gegen Holland. Da gibt es auch einige Einerseits-Andererseits-Varianten. Für die Holländer ist das Spiel gegen die Deutschen nach ihrer Auftaktpleite bereits ein Endspiel. Ob das gut für uns ist, oder schlecht? Die werden mit allem kommen, was sie haben, und das ist bekanntlich nicht wenig. Man könnte sagen, dass das schlecht für uns ist. Andererseits müssen sie kommen, sie müssen einfach, sie müssen die Defensive vernachlässigen, die ohnehin nicht so toll ist. Das wird Möglichkeiten eröffnen.

Bleibt unterm Strich, dass wir nach dem ersten Spiel in unserer Ernüchterung bestätigt wurden. Einerseits. Andererseits wurde unsere Euphorie aufs Wunderbarste befeuert. Und das ist, objektiv betrachtet, sicher nicht das Schlechteste, wenn wir alle in Hoffnung schwelgen und dabei hübsch am Boden bleiben.

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