EM-Kolumne Europareise (6) : Köpfen aus der Unterwelt

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Jens Mühling, Marcel Reif, Moritz Rinke, Lucien Favre und Philipp Köster und im Wechsel die EM. Diesmal schreibt Moritz Rinke über erste Helden, tragisch Figuren und Bilderstürmer.

von
Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Die dramatische Kraft des Fußballs lässt sich daran erkennen, ob nach dem Abpfiff Spieler zu Helden ausgerufen werden oder zu tragischen Figuren geworden sind. Nach den ersten Gruppenspielen gibt es allerdings nicht so viel Stoff, nicht mal von den Griechen, außer den Platzverweis von Sokratis!

Was noch? Der alte, schon totgesagte Schewtschenko natürlich! Heldentore für die Ukraine, wie aus der Unterwelt herausgeköpft, Schewtschenko wird nun in den Olymp aufgenommen. Robin van Persie von den Niederlanden eher nicht. Der Topscorer der Premier League versagte wie Prinz Hamlet vor dem dänischen Tor.

Mehr gaben die Vorrundenspiele dramatisch nicht her, wenn da nicht wir Deutschen mit unserem Gomez wären! Wir Deutschen schaffen es nämlich, aus einem einzigen Spieler einen Helden und eine tragische Figur zu machen, gleichzeitig! Das macht uns so schnell niemand nach.

Eine der größten, alten deutschen Tugenden ist das Herunterreißen der Helden vom Heldensockel. Dafür gibt es bestimmt verständliche historische Gründe, aber bei Gomez hat diese deutsche Lust am Niederreißen nun ihren Höhepunkt erreicht. Hype und Häme und Vernichtung in einem Spiel, in einer Minute. Ein wuchtiger Kopfball, ein Tor, vermutlich das Tor fürs Viertelfinale, und dann Tage voller Schmähungen.

Armes Deutschland …

„In jedem Grad der Übertreibung beleidigend, dumpf und harmonielos“, schreibt Hölderlin über die Deutschen, ja, Hölderlin fällt mir immer ein, wenn ich deutsche Sportberichte über Gomez lese.

Und Goethe! Gomez spielt eben wie Goethe: erfolgreich, aber statisch. Goethe und Gomez sind klassische Stoßstürmer und was soll denn ein gelernter Stoßstürmer machen, der jahrelang bedient wird? Gomez hat zu Hause bei den Bayern Ribéry und Müller, Goethe hatte Eckermann und Herzog Karl August von Sachsen. Wie sollen solche klassischen Stoßstürmer sich plötzlich im Mittelfeld selbst die Bälle abholen oder auf die Flügel ausweichen? Goethe und Gomez können nicht spielen wie Schiller, der ein Flügelstürmer war, oder Charlotte Roche, die, glaube ich, eine Schoßstürmerin ist.

Genug gefachsimpelt.

Der irische Schlussmann und seine drei Gegentreffer gegen Kroatien erinnerten mich übrigens an Samuel Beckett: „Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern.“ Den letzten hat er sich nämlich immerhin super selbst reingeköpft.

Unser Kolumnist Moritz Rinke liest am Donnerstag um 19 Uhr im Tagesspiegel-Salon, Verlagsgebäude am Askanischen Platz 3, aus seinem Buch „Also sprach Metzelder zu Mertesacker. Lauter Liebeserklärungen an den Fußball“. Eintritt 18 Euro inkl. Begrüßungsgetränk und Zweigangessen. Telefonische Anmeldung unter 29021-520.

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