EM  Nebenschauplatz : Die Hoffnung stirbt zuerst

„Die Kroaten haben noch ein bisschen Hoffnung“, sagt ZDF-Kommentator Béla Réthy in der 90. Minute. Es steht 1:0 für Spanien, im Parallelspiel der Gruppe C führt Italien 2:0 gegen Irland. Bedeutet: Italien und Spanien sind in diesem Moment weiter, Irland war schon vorher raus. Was aber wird aus Kroatien? Was muss geschehen, damit sich das Blatt für sie noch wendet? Und was genau ist „ein bisschen Hoffnung“?

Mit voller Kraft gehofft wird bei dieser EM schon längst nicht mehr, jedenfalls nicht aufseiten des Fernsehzuschauers. Zu verunsichert ist er von der Tabellenarithmetik der Uefa, als dass er noch wüsste, worauf genau er denn nun hoffen sollte. Ein Tor? Zwei? Gar keins? Gottes Hilfe? Hoffnung sei, so heißt es, eine schöne Erinnerung an die Zukunft. Das Problem: Der Zuschauer versteht nicht mal mehr die Gegenwart. Und sie wird ihm leider auch nicht erklärt.

20 Sekunden später, mitten hinein in einen verzweifelten Angriff der Kroaten, sagt Béla Réthy plötzlich: „Der Käse ist gegessen.“ Warum nun das? Ist ein ZDF-Mathematiker mit seinem Karteikärtchen im Anschlag in die Sprecherkabine geplatzt? „Halt inne, Béla! Wir haben noch mal nachgerechnet!“ Selbst wenn: Rethy behält geflissentlich für sich, welche neuen Informationen ihm nun vorliegen. Bloß dass irgendein dubioser Käse gegessen worden sei, dringt nach außen.

Das Turnier-Reglement der Uefa umfasst 72 Seiten. Diese Textmenge schreckt die meisten Fernsehkommentatoren ab. Jedenfalls gibt es Anlass zu vermuten, dass sie das Werk nicht gelesen haben, ja noch nicht einmal haben exzerpieren lassen. Und wenn doch, haben sie es offenbar nicht verstanden. Das hält sie nicht davon ab zu reden. Und zwar ins Blaue. In ihren Livereportagen steigen ganze Nationen auf und fallen wieder, nicht weil Tore geschossen wurden, sondern weil jemand in der Redaktion noch mal kurz am Tabellenrechner gerüttelt hat.

Hätten sie doch bloß einen Blick in die 72 Seiten geworfen! Sie hätten erkannt, dass das Ganze so schwierig dann doch nicht ist. Unter 8.07 heißt es: „Wenn zwei oder mehr Mannschaften nach Abschluss der Gruppenspiele die gleiche Anzahl Punkte aufweisen, wird die Platzierung nach folgenden Kriterien in dieser Reihenfolge ermittelt: a) größere Punktzahl aus den direkten Begegnungen, b) bessere Tordifferenz aus den direkten Begegnungen (bei mehr als zwei punktgleichen Mannschaften), c) größere Anzahl erzielter Tore aus den direkten Begegnungen (bei mehr als zwei punktgleichen Mannschaften)“. Wäre Kroatien gegen Spanien der Ausgleich noch gelungen, hätten die ersten drei Mannschaften der Tabelle jeweils 1:1 gegeneinander gespielt, also hätte Punkt d) gegriffen: „Bessere Tordifferenz aus allen Gruppenspielen.“ Die hätte bei Italien in diesem Falle 4:2 gelautet, bei Kroatien 5:3, jeweils plus 2. Also Punkt e): „Größere Anzahl erzielter Tore in allen Gruppenspielen.“ 5 schlägt 3, Kroatien wäre weiter gewesen, hätte Italien nicht schnellstens nachgelegt.

Das Drama, nach dem die Sender sich so sehnen – die Art, wie sie in ihren Einspielfilmchen Fußballer zu Gladiatoren stilisieren, suggeriert es ja –, stand also schon vor der Tür. Doch Béla Réthy ließ es nicht herein. Er hatte genug damit zu tun, seinen Käse zu essen. Dirk Gieselmann

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