EM  Nebenschauplatz : EM-Fans zu ersteigern

Christoph Erbelding
Nicht zu fassen. Nun muss Familie Scheiren Holland anfeuern – Höchststrafe für die Belgier. Foto: promo
Nicht zu fassen. Nun muss Familie Scheiren Holland anfeuern – Höchststrafe für die Belgier. Foto: promo

Lieven Scheire hatte eine Idee. Einen aus der Not geborenen Geistesblitz. Weil sich seine Nationalmannschaft nicht für die WM qualifiziert hatte, entschloss sich der 31-Jährige aus Belgien dazu, seine Fanidentität bei Ebay zu verkaufen. Er bot an, das Heimatland des Höchstbietenden bei der EM als Fan zu unterstützen. Schnell fand der Fernsehmoderator aus Flandern Anhänger für seinen Plan: 150 Fußballfans schlossen sich ihm an. Eine Schnapsidee, dachten viele. Doch einem Mann aus Honduras war das Angebot 35 Euro wert. Und der Fanklub legte sich mächtig ins Zeug. Die Belgier kauften sich Trikots, lernten die Nationalhymne auswendig, organisierten ein Public Viewing – und erlebten als Unterstützer eines Landes aus Zentralamerika ein ganz besonderes Turnier. Das war 2010.

Jetzt, zur EM 2012, wollte Scheire die Geschichte wiederholen. Erneut hatte er eine Selbsthilfegruppe für die vom eigenen Team enttäuschten belgischen Fans gegründet. Erneut hoffte er darauf, einen Außenseiter zugeordnet zu bekommen. Doch diesmal lief alles anders. Statt 150 Anhängern waren plötzlich 19 500 Fans auf Schieres Seite. Statt 35 Euro durchbrachen die Gebote schnell die 100-Euro-Marke. Die Vorfreude stieg. Doch dann ging die Auktion zu Ende. Und der Sieger lautete: Niederlande!

Ein Geschäftsmann aus dem Nachbarland blätterte 700 Euro hin. Als er erfuhr, dass das Geld an Unicef gespendet wird, erhöhte er die Summe sogar auf 3000 Euro. Eine Geste, die Scheire zunächst nicht trösten konnte: „Ich bin ehrlich: Ich habe ein paar Stunden gebraucht, um damit meinen Frieden zu machen.“

Belgien, das muss man wissen, steht mit Holland im Fußball in einer ähnlichen Beziehung wie Deutschland. Jetzt müssen Scheire und Co. den Kontrahenten plötzlich bejubeln. „Es war aber vorher klar, dass das passieren kann. Nun sind wir eben Oranje“, sagt Scheire trotzig.

In Gent in Ostflandern lebt der größte Teil der belgischen Niederländer. Doch die Community verteilt sich über das ganze Land. „Einige werden auch direkt nach Holland fahren“, so Scheire. Und ergänzt: „Ich freue mich besonders darauf, die niederländischen Klischees endlich ausleben zu dürfen. Mal sehen, was ich mir auf den Kopf setze – entweder einen Käse- oder Blumenhut.“

Eine Hoffnung bleibt den Belgiern allerdings noch. Sollten die Niederlande ausscheiden, möchten sie sich erneut via Ebay zum Verkauf anbieten. „Das haben wir bei der WM schon so gemacht, so wurden wir noch zu Fans von Ghana und Spanien“, erläutert Scheire. „Vielleicht werden wir ja im Laufe des Turniers ja auch noch zu Deutschland-Fans.“ Allerdings nicht am 13. Juni. Dann treffen die Niederländer auf Deutschland. Mit knapp 20 000 belgischen Fans auf ihrer Seite. Christoph Erbelding

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